All IP – Das PSTN stirbt

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Seit 2014 gehen alarmierende und widersprüchliche Meldungen über den Äther:

  • „Telekom schaltet bis 2018 ISDN komplett ab (16.05.2014)“;
  • „Die Telekom bezeichnet sie als Zukunftstechnologie, für viele ist sie heute aber eine Pannentechnologie: Im Netz beschweren sich Kunden massiv über ständige Ausfälle von ihrem digitalen Telefonanschluss. Drei Millionen Kunden haben schon auf die IP-Telefonie umgestellt, die Telekom sucht nach einer Lösung (03.09.2014)“;
  • „Die Kunden von Colt Technology Services können auch noch nach 2017 über ISDN-Leitungen telefonieren. Anders als die Deutsche Telekom will der Netzbetreiber nicht alle Anschlüsse auf IP-Technologie um stellen (23.03.2015)“;
  • „Geschäftskunden, die zu Vodafone wechseln, erhalten auf Wunsch weiterhin ISDN und müssen dort bis 2022 nicht auf All IP umsteigen (10.08.2015)“
  • „Die Bundesnetzagentur kritisiert die Telekom wegen der „hohen Beschwerdezahlen“ zu ihrer sogenannten All-IP-Umstellung. Zudem würden teils falsche Versprechen zur Datenübertra-gungsrate neuer Anschlüsse gemacht (24.06.2015)“. Bei Licht betrachtet ist eine Beschwerdezahl von 150-300 pro Monat bei 20 Millionen Kunden allerdings nicht wirklich hoch. (Anm. d. Autorin)

Die drohende PSTN-Abschaltung verunsichert viele Unternehmen. Muss der Umstieg auf All IP bis 2018 erfolgen? Wie reif ist die Technologie? Welche Tarife und Abrechnungs-Modelle bieten die Telekom und andere etablierte Betreiber?

Während einige Provider wie Colt oder Vodafone All IP bzw. SIP Trunks schon aktiv vermarkten, ist über Geschäftskunden-Angebote der Telekom als einer der Hauptanbieter in Deutschland im Internet wenig zu erfahren. Größere Projekte laufen immer noch über die T-Systems. BT punktet damit, dass sie Vertragskunden mitteilt: „Wir stellen gerne Ihre PMXer auf SIP Trunking mit einer gleich hohen Anzahl Sessions um – die Kosten bleiben dann gleich“ …!

Ohne preisliche oder funktionale Vorteile ist der Wechsel von ISDN zu VoIP ein bloßes Ärgernis: Er macht Arbeit, und die Umstellung bringt das Risiko von Betriebsstörungen mit sich. Daher neigen viele Unternehmen selbst dann, wenn preisliche oder funktionale Vorteile erkennbar sind, zum „Abwarten und Tee trinken“. Obwohl gerade die frühzeitige Erarbeitung einer All IP Strategie die Möglichkeit bietet, in Ruhe verschiedene Alternativen zu planen und mögliche Vorteile auszuloten – gegebenenfalls auch durch einen Providerwechsel. Hierbei gilt es insbesondere strategische konzeptionelle und technische Entscheidungen zu erarbeiten:

  • Wie gut ist die Skalierbarkeit angebotener Lösungen?
  • Was passiert mit den ganzen ISDN-Sonderanschaltungen wie Alarmserver, Brandmelder, Frankiermaschinen, Türöffner u.a.m.?
  • Welche die ISDN-Merkmale müssen / sollen / können bei der Umstellung auf Voice over IP (VoIP) und SIP Trunking in vollem Umfang erhalten bleiben?
  • Welche zusätzlichen Funktionen wie z.B. Video können über einen SIP Trunk abgedeckt werden?
  • Lässt sich der Übergang ins öffentliche Netz mit einem gemeinsamen SBC für Voice und Video handhaben?
  • Welches SBC Design ist für welche Standorttypen zu bevorzugen – zentrale Übergänge ins öffentliche Netz mit wenigen großen Session Border Controllern (SBC) oder verteilte Übergänge mit vielen kleinen SBCs und geringerem Ausfall-Risiko?
  • Wie gut sind die von etablierten Herstellern angebotenen Enterprise SBCs? Ist der SBC als All-in-One Lösung vom TK/UC-Hersteller besser geeignet als ein etablierter 3rd Party SBC (AudioCodes, Acme, Ingate, Sonus e.a.)

Soll der Umstieg auf All IP erfolgen, sind standardisierte Übergänge zwischen Unternehmen und Providern gefordert. Gibt es hier einen brauchbaren Standard oder im Wesentlichen lauter Einzellösungen? Wie positionieren die Hersteller und Provider sich zur Standardisierung? Leider hat die ITU-T hier den Trend ziemlich verschlafen. Die ETSI bietet unter dem Schlagwort TISPAN (Telecommunications and Internet converged Services and Protocols for Advanced Networking) einige Technische Spezifikationen (TS) – von Interesse sind insbesondere

  • ETSI TS 182 025 V3.3.1 (2011-03): Telecommunications and Internet converged Services and Protocols for Advanced Networking (TISPAN); Business trunking; Architecture and functional description
  • ETSI TS 182 023 V2.1.1 (2009-01): Telecommunications and Internet converged Services and Protocols for Advanced Networking (TISPAN); Core and enterprise NGN interaction scenarios; Architecture and functional description

Allerdings sind diese Spezifikationen sehr provider-lastig und für die durchschnittliche Enterprise-Umgebung zu komplex.

Einen pragmatischen Ansatz bietet das SIP Forum mit seiner Arbeitsgruppe SIPconnect (http://www.sipforum.org/content/view/179/213/). Die SIPconnect Technical Recommendation v1.1 ist seit 2011 verabschiedet und über verschiedene neutrale Testlabore zertifizierbar. SIPconnect v2.0 hat ihren Final Call (Draft 2.0v17) im Mai 2016. SIPconnect eignet sich sehr gut als Enterprise – Provider Schnittstelle, wird aber auch zwischen Providern genutzt. Obwohl SIPconnect am Anfang von den „Incumbents“ ignoriert wurde, dreht sich der Markt aktuell erkennbar in Richtung SIPconnect Unterstützung. Einige Hersteller geben es auch als Referenz für Querverbindungen zwischen Multivendor Enterprise Lösungen an (z.B. Ferrari electronics Faxserver, Ascom PSA).

Fazit: Die nächsten Jahre bringen spannende Redesign-Aufgaben für den öffentlichen Netzzugang von Voice / Video / UC mit sich!

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