Anforderungen an flächendeckende Wireless-Versorgung

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Die Anforderungen an flächendeckende Wireless-Versorgung für Unternehmen und Organisationen werden vielfach unterschätzt. Zu Beginn 2012 hat das Marktforschungsunternehmen Gartner die seiner Ansicht nach zehn wichtigsten Trends zur Informationsverarbeitung für den Zeitraum 2012 – 2015 vorgestellt. Die fünf wichtigsten Trends haben mittelbar und unmittelbar mit mobilen Endgeräten zu tun.

Generell geht Gartner davon aus, dass es einen tiefgreifenden Wandel der Bedeutung der IT für die Geschäftswelt geben wird und nennt dies „postmodernes Business“. Gemeint ist damit, dass es eigentlich keine Geschäftsprozesse gibt, die nicht von Kollaboration und modernen IT-Hilfsmitteln unterstützt werden und sich darüber hinaus die IT mehr und mehr von der Rolle einer unterstützenden Dienstleistung zu einer gestaltenden Kraft entwickelt. Das ist ein mehr philosophischer Standpunkt und eher eine Extrapolation dessen, was wir täglich um uns herum erleben.

Konkret sind die nach Gartner zehn wichtigsten Trends folgende:

  1. Tablets und mehr. Benutzer werden mit steigender Tendenz unter mehreren Formfaktoren für Endgeräte wählen können, die sie im Rahmen ihrer Arbeit und privat mit unterschiedlichen Mobilitätsgraden benutzen. Das haben wir ja heute schon. An einem gegebenenfalls festen Arbeitsplatz gibt es noch einen Desktop, gesharte Arbeitsplätze werden mit Notebooks unterstützt, Tablets sind wesentlich leichter und damit noch mobiler und eigentlich verpasst man nichts Wichtiges, wenn man sein Smartphone dabei hat. Deshalb ist es auch richtig, von einem Formfaktor zu sprechen: Größe, Gewicht und Rechenleistung und damit die Qualität und Möglichkeiten der Ein- und Ausgabe sind unterschiedlich, die Basisfunktionalität ist aber gleich. Der Mechanismus der Apps kann dafür sorgen, dass alle benötigten Anwendungen überall prinzipiell gelichartig bereitstehen. Es ist letztlich die Entscheidung des Benutzers, was er im Moment am praktischsten findet. Allerdings wird er genau deshalb auch 3 bis 5 Geräte haben, die synchronisiert und verwaltet werden müssen.
    Was Gartner an dieser Stelle nicht so direkt sagt: Hersteller wie Apple, die diesen Trend aktiv gestalten und hier auch für jedermann über das gesamte Spektrum leicht zu bedienende und harmonische Geräte anbieten, werden auf der Gewinnerseite sein. Es reicht nicht, hier mit einem singulären Gerät einsteigen zu wollen, wie der aktuelle Misserfolg von Amazon zeigt.
  2. Mobil-zentrische Applikationen und Schnittstellen. Die in den letzten 20 Jahren verwendeten Benutzerschnittstellen stehen vor einem deutlichen Wandel. Touch-, Gesten- und Sprachsteuerung, die bei den mobilen Geräten bereits Einzug gehalten haben, werden sich weiter verbreiten. Das hat primär Konsequenzen für die Entwicklung von Anwendungen und wir wollen es hier nicht weiter verfolgen.
  3. Kontextuelles und soziales Benutzererlebnis. Kontext-sensitives Computing versucht, die Bedarfe und Vorlieben des Benutzers systematisch zu erfassen. Das ist eigentlich schon ein alter Bekannter aus dem E-Business. Je besser man den Benutzer kennt, desto gezielter kann man ihn mit Angeboten ansprechen. Gartner geht davon aus, dass sich das auf mehr Anwendungsbereiche ausweitet. Hierbei werden auch vernetzte soziale Informationen Einfluss haben. Wie wir jetzt bereits wissen, werden diese Informationen überwiegend durch mobile Endgeräte erzeugt und benutzt.
  4. Das Internet der Dinge. Dieses Konzept beschreibt die Auswirkungen und Möglichkeiten der Erweiterung des Internets durch Anreicherung von Sensoren und anderen Endgeräten mit mehr Funktionen. Praktische Beispiele wären z.B. Zählerablesungen. Der von Tür zu Tür wandernde Zählerableser ist ein überflüssiges, extrem teures Relikt, wenn die Zähler die Daten via Internet an den Versorger melden können. Eine Vernetzung dieser Informationen mit den Endgeräten des Kunden ermöglicht diesem einen intelligenteren Umgang mit Energie. In Deutschland wird diese Entwicklung besonders von RWE vorangetrieben. Die Nutzung und Bedienung derartiger Funktionen steht und fällt mit mobilen Endgeräten. Anschauliches Beispiel: eine Internet-basierte Steuerung von Beleuchtung und Rolläden macht nur dann Sinn, wenn man nicht mit seinem verkabelten PC direkt neben den Schaltern sitzt. Unternehmen profitieren in einer ersten Phase primär dadurch, dass Kunden derartige Technologien benutzen. Im Laufe der Zeit werden sich aber auch Anwendungen finden, die einen Gewinn bringen, wenn die Mitarbeiter des Unternehmens sie ausüben.
  5. App-Stores und Marktplätze. Apps werden heute vorwiegend für die private Nutzung gekauft. Das wird sich aber ändern und in zunehmendem Maße auch in allgemeine Geschäftsprozesse Einzug halten. Bis 2014 sollen laut Gartner jährlich 70 Milliarden mobile Apps aus App-Stores geladen werden.
  6. Next Generation Analytics.
  7. Big Data.
  8. In Memory Computing.
  9. Extrem stromsparende Server.
  10. Cloud Computing.

Welche konkreten Konsequenzen haben nun diese Aussagen auf den Planungsprozess für Corporate Networks?

Für die Versorgungsbereiche in Netzen von Unternehmen und Organisationen ist natürlich Punkt 1 wirklich gravierend. Ich sehe auch heute noch die heftige Diskussion darüber, ob man nun Endgeräte mit einer tonnenschweren Kupferverkabelung oder Lichtwellenleitern versorgen soll. Hier gibt es quasi unversöhnliche Lager und jedes dieser Lager steckt Unmengen Zeit, Energie und Geld in seinen Standpunkt. Allen Diskussionen liegt der fast 40 Jahre alte Gedanke zugrunde, dass Mitarbeiter an festen Arbeitsplätzen sitzen, sich außer zum Gang auf die Toilette nicht bewegen und immer leistungsfähigere Endgeräte benutzen. Also müssen sie in Art eines Gießkannenprinzips mit Steckdosen zugepflastert werden, wobei hinter jeder Steckdose immer mehr Leistung liegt.

Das alles ist schlicht weltfremd! Zum einen haben verschiedene moderne Unternehmen bereits heute schon poolbasierte Arbeitsmodelle mit flexiblen Arbeitsplätzen. Zum anderen haben die Mitarbeiter schon zuhause eine ganz andere User Experience und besitzen dort schon einen Teil oder sogar die ganze Palette von Geräten mit unterschiedlichen Formfaktoren. Der Wireless DSL-Router ist die Zentrale und rückt in seiner Unverzichtbarkeit in die Nähe der Kaffeemaschine. Der Benutzer liebt den leichten und schnellen Wechsel der Endgeräte ohne Verzicht auf Funktion.

Mit zunehmender „Home Automation“ von der Energiesteuerung über elektrische Rolladen bis hin zu Sicherheitsfunktionen hat das Konzept schon längst die Ebene der reinen Unterstützung der Unterhaltungselektronik verlassen. Auf Wunsch kann sogar eine Modelleisenbahn (falls vorhanden) mit einer App vom iPhone bedient werden.

Nun fragt sich der Benutzer natürlich mit Recht, ob das Unternehmen, für das er arbeitet, eigentlich noch auf dem Stand der Dinge ist, wenn es ihm Datensteckdosen entgegenstreckt und die Versuchung, das Ganze durch den Einsatz der eigenen privaten Endgeräte einfach zu übergehen, ist gewaltig.

Das Unternehmensnetz hat die Aufgabe, dem Benutzer WENIGSTENS die Hilfsmittel, die er von zuhause schon gewohnt ist, ebenfalls in der gleichen Leistungsfähigkeit und Bequemlichkeit für die Unternehmensanwendungen zur Verfügung zu stellen. Jetzt kann man natürlich lange darüber diskutieren, wie man das im Einzelnen macht. Dabei ist von der Netzseite z.B. zu bedenken, dass es sehr unterschiedliche Funkdienste gibt und das Heim-WLAN nach IEEE 802.11n sicher nicht in allen Fällen das geeignete Maß der Dinge ist. Hier wird in Zukunft auch die Durchgängigkeit der Diensterbringung unter verschiedenen Mobilitätsfaktoren eine große Rolle spielen. Ein Beispiel: als privater Benutzer kann man z.B. mit dem Notebook, dem iPad und dem iPhone innerhalb der Wohnung mit guter Leistung ins Internet gehen. Sobald man die Wohnung verlässt, läuft die Verbindung nicht mehr über das WLAN, sondern z.B. über einen 3G Provider. Das bedeutet, dass der eigentliche Dienst völlig unabhängig von Gerät und Standort ist, lediglich die Geschwindigkeit ist geringer.

Eine wesentliche Anforderung für ein Unternehmen ist es, diese Ortsunabhängigkeit und Durchgängigkeit von Diensten auch für seine Unternehmensanwendungen verfügbar zu machen. Dabei könnte neben der nachrichtentechnischen Lösung letztlich auch ein entsprechend abgesicherter Cloud-Service eine große Rolle spielen.

Die Frage der Sicherheit ist dabei natürlich elementar. Ich denke, man kann es völlig vergessen, dem Mitarbeiter irgendwelche Vorschriften in der Hinsicht zu machen, dass er seine privaten Geräte nur privat und andere Geräte geschäftlich nutzt. Das war schon in der Vergangenheit bei Notebooks kaum durchsetzbar. Es gibt in den USA durchaus den Trend, dem Mitarbeiter einfach 500 US$ in die Hand zu drücken, damit er sich davon ein Endgerät kauft, was er sympathisch findet und mit dem er umgehen kann. Das minimiert natürlich auch die Schulungskosten.

Also müssen die unternehmenskritischen Anwendungen und Daten nicht nur für einen weiten Bereich von Endgeräten passend dargestellt, sondern auch entsprechend geschützt werden und dieser Schutz darf keinesfalls in irgendeiner Weise vom tatsächlich benutzten Endgerät abhängen. Bei den Diskussionen, die ich darüber sehe, wundere ich mich aber immer wieder darüber, dass längst existierende Lösungen offensichtlich gerne ignoriert werden. Als konkretes Beispiel sehe ich das Online-Banking. Die „Sparkassen-App“ ist eine der meist genutzten Apps in Deutschland. Sie ist in weitem Bereich unabhängig von einem Endgerät und selbst wüste Datensammler wie Google oder Apple erhalten durch diese App keinerlei Zugang zu den inneren Daten der Rechenzentren der Sparkassen-Informatik GmbH. Der Trick dabei ist natürlich dieses kleine rote Zusatzkästchen zur Erzeugung transaktionsabhängiger TANs. Ich bin der Überzeugung, dass man genau auf dieser Basis auch Lösungen etwas höherer Eleganz finden kann.

Hinweis: weitere Informationen zu Entwicklung und Einsatz der neuen Endgeräte finden Sie in den aktuellen Artikeln und Videos von Dr. Suppan auf diesem Wissensportal und bei study.tv. Ausführliche Darstellungen zur Sicherheit finden Sie in den Artikeln und Videos von Dr. Hoff, ebenfalls hier bzw. bei study.tv

Ein weiteres Stichwort in diesem Zusammenhang ist Bring Your Own Device BYOD, schlicht basierend auf der Frage, ob ein Mitarbeiter nicht einfach die Geräte, die er ohnehin schon privat benutzt und in deren Bedienung er sehr erfahren ist, für die Erledigung seiner beruflichen Aufgaben nicht ebenfalls benutzen können soll. Das behandeln wir an einer anderen Stelle.

Insgesamt kann man aber feststellen, dass die genannten Anforderungen in Zukunft erheblich gesteigerte Anforderungen an die wireless Infrastruktur stellen, sowohl hinsichtlich der eigentlichen Übertragungsleistung pro Endgerät als auch hinsichtlich der Versorgungsdichte und der Stabilität der Verbindungen.

Die neu aufgekommenen Wireless-Technologien wie IEEE 802.11ac oder 11ad müssen nicht nur als solche, sondern auch in Relation zur nächsten Mobilfunkgeneration LTE auf ihre Eignung für die anstehenden Anforderungen geprüft werden.

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