BYOD und Cloud: entweder richtig oder gar nicht!

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Wo wollen Sie eigentlich hin? Selten in den letzten 20 Jahren habe ich so orientierungslose Diskussionen beobachtet wie bei den Themen BYOD und Cloud. Ich will diese Sichtweise an zwei Beispielen verdeutlichen.

Fangen wir mit BYOD an. Für mich heißt die zentrale Frage erst einmal nicht BYOD, sondern: „Welchen Stellenwert haben mobile Endgeräte in Zukunft für unser Unternehmen?“ Nehmen wir das iPad als Beispiel. Warum soll ein Unternehmen ein iPad auf Dauer als sinnvoll ansehen? Im Endeffekt geht es bei jedem Endgerät ja nicht um das Gerät, sondern um Applikationen und den Zugriff auf Daten. Die meisten Unternehmen haben aber noch gar keine eigenen Apps, die auf einem iPad laufen könnten. Weder für interne noch für externe Nutzung. Natürlich ist der Aspekt des Zugangs zu Daten und der mobilen Dokumenten-Nutzung wichtig. Aber auf Dauer muss Funktionalität da sein, um den Aufwand zu rechtfertigen. Mit Grausen sehe ich die Diskussion um virtuelle Maschinen auf iPads, die die in den Unternehmen bereits bestehenden Applikationen zugreifbar und nutzbar machen. Klares Statement: wer das auch nur ansatzweise plant, hat überhaupt nichts verstanden. Mobile Endgeräte explodieren im Markt, weil sie einher gehen mit einer neuen Form der Bedienung und einem neuen Ansatz zu Benutzer-Schnittstellen. Eine „alte“ Benutzerschnittstelle egal mit welcher Technik auf diese Geräte zu bringen, ist hochgradig absurd (Bedienung mit der Maus? Springen zwischen Eingabefeldern mit Tabs? Willkommen im Museum). Wer BYOD und mobile Endgeräte für sein Unternehmen für einen Trend hält, der muss sich die Frage nach zukünftigen Applikationen stellen, die auf diesen Geräten laufen sollen. Und diese müssen speziell für diese Geräte nach dem neuen Verständnis von Benutzer-zentrischen Bediensystematiken entwickelt werden. Dies wird häufig dadurch verschleiert, in dem man eben erst einmal harmlos mit Email und Dokumenten-Zugriff anfängt. Aber Email und PDF-Lesen kann doch wohl nicht der Kern einer strategischen Langfrist-Entscheidung sein, oder? Hier geht es um mehr, es geht um einen völlig neuen Ansatz mit dem Benutzer im Mittelpunkt. Warum? Mehr Effizienz intern und bessere Ansprache von Kunden extern sind die Hauptgründe. Kosten sparen? Unfug! Ist sicher immer ein Ziel, aber deshalb sind mobile Endgeräte nicht erfolgreich. Und dies kann nicht die tragende Vision für Unternehmen an dieser Stelle sein. Nokia wollte sicher Kosten sparen. Apple hatte eine Vision und hat mit der Entwicklung eines Gerätes, für das zu diesem Zeitpunkt die meisten Schlüsseltechnologien noch gar nicht existierten, alles auf eine Karte gesetzt. Hat der Kosten-Spar-Ansatz funktioniert? Nun, es ist absehbar, dass Nokia ggf. bald gar keine Kosten mehr hat.

In der Presse taucht zudem immer wieder im Zusammenhang mit BYOD das Argument auf, dass das Management in den Unternehmen begeistert ist, weil BYOD Kosten spart und deshalb diesen Trend fördert. Sollte das so sein, was ich bezweifle, dann ist das sicherlich ein Trugschluss. Der Betrieb von Endgeräten ist in der Regel teurer als die Beschaffung. Je preiswerter ein Gerät ist und je aufwendiger die Betriebsverfahren sind, umso mehr gilt dies. Meine Sichtweise ist: BYOD kostet Geld und die Unternehmen sparen auf keinen Fall. Trotzdem muss sich jedes Unternehmen diesem Trend stellen. Er ist kaum zu verhindern, zu viele Mitarbeiter nutzen bereits private Geräte. Aber die Frage nach der angemessenen Menge von BYOD-Geräten sollte gestellt werden und eine Strategie für den Nutzungsumfang gefunden werden.

Dann haben wir die Cloud. Die ist auf dem Papier sehr erfolgreich. Aber auch hier ist im wesentlichen Orientierungslosigkeit zu beobachten. Natürlich werden in Kürze fast 100% der Unternehmen die Cloud nutzen. Es ist schlichtweg unmöglich, Android oder iOS einzusetzen, ohne die Cloud-Dienste von Google und Apple zumindest rudimentär zu nutzen. Dies gilt für Software-/Apps-Management, Benutzer-Identifikation, Kalender, Email usw. Die nächste Stufe ist ohne Frage Speicher in der Cloud. Daten haben auf mobilen Endgeräten nichts verloren. Da der typische Benutzer auch in naher Zukunft mehr als ein Gerät zum Arbeiten nutzen wird, würde das auch keinen Sinn machen. Also kommt nur eine zentrale Speicherung der Daten mit regelbasierter Synchronisation und Verwaltung in Frage. So sind Box, Dropbox und Sugarsync groß geworden. Diese Dienste sind speziell auf iOS nach wie vor auch kaum durch eigene private Cloud-Dienste abzulösen, da die Schnittstellen zu den anderen Apps auf den mobilen Endgeräten benötigt werden. Wir brauchen also zwingend eine Versorgungs-Infrastruktur für mobile Endgeräte. Die ist nicht trivial und muss sorgfältig von Unternehmen angegangen und aufgebaut werden. Dabei fehlen wichtige Bausteine wie eine lokale Verschlüsselung auf der Client-Seite, so dass Kompromisse noch für Jahre erforderlich sind.

Aber die Cloud kann nicht auf Versorgungs-Infrastrukturen für mobile Endgeräte reduziert werden. Immerhin gibt es ja noch Infrastructure as a Service IAAS und Software as a Service SAAS. Persönlich sehe ich kaum einen messbaren Mehrwert für IAAS in der Cloud für ein durchschnittliches Unternehmen. Anbieter wie Zynga brauchen dieses Vehikel bei der Schaffung neuer Produkte speziell in der ersten Wachstumsphase, bevor die Dienste in die private Cloud geholt werden (das ist spannend: Zynga sagt klar, dass die Public Cloud für einen etablierten Dienst zu teuer ist. Warum sollte sie auch preiswerter sein, wenn identische Technologien genutzt werden). Aber kaum ein normales Unternehmen rechnet mit den Wachstumsraten der Web-Unternehmen. Die entscheidende Frage zur Zukunft der Cloud für Ihr Unternehmen ist aus meiner Sicht: wie stellen Sie sich Software-Entwicklung und Applikationen für Ihr Unternehmen in 5 bis 10 Jahren vor und wie wollen Sie dahin? Genauso wie mobile Endgeräte an private Apps gebunden sind, ist die Cloud aus meiner Sicht an Web-Applikationen gebunden. Wer Cloud sagt, der muss auch Web-Applikation sagen. Wer das nicht macht, hat aus meiner Sicht die Technologie nicht verstanden. Dabei habe ich nicht aus Versehen von 5 bis 10 Jahren gesprochen. Die Weichenstellung zum Umbau einer bestehenden Applikations-Landschaft in Richtung Web-Applikation und Apps (wobei das technologisch nahe beieinander liegt) ist sehr komplex. Es gilt Abschied zu nehmen von allem, was einem in den letzten Jahren richtig und wichtig erschien. Sicher werden die meisten Unternehmen den Einstieg mit Apps für Kunden suchen. Zum einen sind dies in der Regel neue Apps, so dass keine bestehende Infrastruktur migriert werden muss. Zum anderen ist hier ein sofortiger und messbarer Mehrwert gegeben. Aber es ist Vorsicht geboten. Die Kunden sind zunehmend verwöhnt. Sie arbeiten täglich mit bahnbrechenden Apps im Sinne der Bedien-Qualität. Und davon gibt es immer mehr. Die Messlatte wird so immer höher gelegt. Wer hier mitspielen und gewinnen will, der kann das nicht nebenbei machen. Und der kann das nicht mit alten Software-Entwicklungs-Ansätzen machen.

Entschuldigen Sie einige der provokativen Aussagen in diesem Artikel. Ich will Niemanden beleidigen. Aber ich habe zunehmend das Gefühl, dass viele Unternehmen zwar gerne über BYOD und Cloud diskutieren, aber wesentliche Entscheidungen auf diesem Weg nicht treffen wollen. Und das ist absurd und wird auf Dauer viel Geld und Zeit kosten. Also entweder richtig oder gar nicht.

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