Der Einfluss der Globalisierung

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Teil 71 von 71 aus der Serie "Professionelle Datenkommunikation"
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Selbst ein mittelständischer Hersteller von Katzenkratzbäumen kann sich dem Einfluss der Globalisierung nicht entziehen, wenn er weiterhin produktiv arbeiten möchte. Da die Netze die Basis für jedwede Kommunikation und Transaktion im globalen Umfeld sind, entstehen neue Herausforderungen für das Netzwerk- und System-Management, denen man sich stellen muss. Das ist ein sehr weitläufiges Thema und wir können hier nur Stichworte geben.

Manchmal hat man ja den Eindruck, es müsse heute alles getan werden, um Personal einzusparen. Im Bereich Netzwerk-, Service- und Anwendungsmanagement ist das ein erheblicher Fehlschluss. Die Rasanz der neuen Entwicklungen lässt es kaum erwarten, dass ein Netzwerk irgendwann einmal einen dauerhaft stabilen Zustand einnimmt, in dem nicht sozusagen täglich neue Anforderungen entstehen. Wer natürlich heute noch in Verkabelungen Fehler suchen oder aufgrund von Kapazitätsengpässen vor der nächsten Lieferung von Endgeräten zittern muss, hat in der Vergangenheit so viel falsch gemacht, dass es dafür überhaupt keinen Ausdruck mehr gibt, den man in einer seriösen Publikation abdrucken könnte. Eine Optimierung des Netzwerkbetriebs kann nur bedeuten, dass man genügend Kapazitäten für die Bewältigung neuer Anforderungen hat, und nicht, laufend dringend benötigtes qualifiziertes Personal abzubauen.

  • Die genannten Einflüsse werden sowohl die Zahl der Endteilnehmer in einem Netz als auch die vom individuellen Teilnehmer geforderte Dienstqualität in einem erheblichen Maße steigern
  • Dies gilt nicht nur für die Mitarbeiter eines Unternehmens sondern in besonderem Maße für die Integration der Geschäftspartner und Kunden im Zuge der Globalisierung.

In diesem Zusammenhang möchte ich an einen alten Bekannten erinnern, der zwar mit der ersten „e-Business“ Welle hochgeschwappt ist, leider aber dann irgendwie sang- und klanglos unterging, weil wohl andere Sachen interessanter waren: XRM, das eXxtended Relationship Management. XRM umfasst die Regelung aller Beziehungen zwischen Unternehmen, Partnern und Kunden und ist von daher das konzeptionelle Rückgrad für die Globalisierung von Geschäftsprozessen. Der durchschnittliche Netzwerker findet das vielleicht nicht so interessant, aber das ist eine grobe Fehleinschätzung und deshalb werde ich dem Thema später eigene Folgen widmen. Zunächst bleiben wir aber bei den näher liegenden Netzwerk-.Management-Themen.

Aus diesen Einflussfaktoren, deren Aufzählung nur exemplarisch ist, lassen sich sofort folgende Schlüsse ziehen:

  • Jede Art von Service-Degradation bis hin zum Stillstand zieht erhebliche negative Konsequenzen nach sich, deren Tragweite weit über das heute Bekannte hinausgeht
  • Jede Art von Angriff auf die strukturellen Komponenten im Netzwerk muss schon so weit im Vorfeld automatisch abgewehrt werden, dass es keine ernsthafte Service-Degradation gibt
  • Soll der Netzwerk-Betrieb mit vernünftigem Aufwand zu leisten sein, muss alles bis auf sehr wenige Ausnahmefälle vollautomatisch gehandhabt werden können.

Letztlich läuft es darauf hinaus, dass die Anforderungen an ein Corporate Netzwerk-, System- und Anwendungsmanagement die gleichen sind, wie sie heute ein professioneller Carrier hat. Demnach ist es auch angemessen, darüber nachzudenken, die gleichen oder ähnlichen Werkzeuge einzusetzen.

Ein weiterer, ganz wesentlicher Punkt ist natürlich auch, dass das Netzwerk von seiner Struktur her leicht beherrschbar sein muss. Dies ist heute bei existierenden Netzen ein teilweise noch schwerwiegender Problembereich. Nur, wenn das Design entsprechend gestaltet ist, wird es überhaupt möglich sein, das Netz mit wirtschaftlich vernünftigem Aufwand zu betreiben und die Anwendungsdienste in geforderter Qualität zur Verfügung zu stellen. „Management durch Redesign“ ist ein wichtiges Thema, dessen Tragweite nicht unterschätzt werden darf.

Folgende Themen müssen in den Unternehmen in naher Zukunft mit Sicherheit ausführlich diskutiert werden:

  • Neue Anforderungen durch Globalisierung
  • Wichtige neue technologische Einflussfaktoren
  • Gestaltung und wirtschaftlicher Betrieb von „Voice Ready“-Netzen
  • Gestaltung und wirtschaftlicher Betrieb von Wireless Infrastrukturen
  • Sinnvolle Erschließung neuer Teilnehmerbereiche
  • Anforderungen durch Kollaborationstechnologie der vierten Generation
  • Management durch Redesign
  • Corporate Network Management vs. Carrier Network Management
  • Neue Impulse im Performance Management
  • Sicherheitstechnologien bis hin zum „Self Defending Network“
  • Security-Management
  • Management globalisierender Geschäftsprozesse

Globalisierung und Netzwerk-Management
Es gibt eine Reihe von allgemeinen Trends, die schon länger „laufen“, in ihren Auswirkungen auf das individuelle Unternehmen aber unterschiedlich sind. Die globale Vernetzung wird zunehmend akzeptiert. In Folge dessen wird die Unabhängigkeit der Arbeit vom Ort ebenfalls akzeptiert. Für viele Unternehmen ist heute schon die Wireless Anbindung für Notebooks und PDAs Standard, man macht schon seit Jahren sogar Fernsehreklame mit dieser Unabhängigkeit. Eine „Unternehmensvirtualisierung“ ist die Herausforderung Nr. 1, wir haben das ja schon diskutiert. Man braucht standortunabhängige Kommunikation in vollständiger Harmonie zu standortgebundener Kommunikation.

Gestaltungsmöglichkeiten, auch im Bereich des Personals, werden von den Unternehmensführungen bewusst wahrgenommen, Entfernungen spielen dabei eine immer weiter untergeordnete Rolle. Dies stellt allerdings hohe Anforderungen an Sicherheit und Hochverfügbarkeit!

Die Flexibilisierung des Arbeitsplatzes ist dabei eine Folge des strukturellen Wandels in den hochentwickelten Ländern, wo „Information“ ein hauptsächlicher Produktivitätsfaktor Ist. Das sog. „Blue Collar Work“ wird weitgehend Maschinen überlassen und das sog. White Collar Work“ wird unabhängig von Büroarbeitsplätzen. Dies ändert mittelfristig das bisheriges Verhalten: „zur Arbeit fahren“, „Im Büro arbeiten“, „nach Hause fahren“ erzeugt enorme Kosten für Büroräume und Energie (vor allem im Stau). „Home Offices“ sind nicht mehr vom unternehmensweiten Informationsfluss abgeschnitten, sondern können extrem leistungsfähig eingebunden werden, „Mobile Offices“ sind ebenfalls machbar, wenn auch mit geringerer Performance. Das kann auch sehr wirtschaftlich sein, sehen wir uns dazu kurz an, was zur Disposition steht: die Kosten für 20 qm Büro X 60 Euro/mon/qm(warm einschl. Infrastruktur) X 12 = 14.400 Euro, dazu kommen die Fahrtkosten (z.B.) 25 km X 0,5 Euro X 250 Arbeitstage = 3.125 Euro. Insgesamt erzeugt ein konventioneller Arbeitsplatz incl. DV-Versorgung Kosten von mindestens 30.000 Euro pro Jahr. Die müssen erst einmal erwirtschaftet werden. Man sieht sofort, das die oft geführte Lohnkostendiskussion nicht wirklich vollständig ist, wenn die Infrastrukturkosten zu hoch sind. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, im Rahmen vorhandener Gesamtkosten „zu hohe“ Lohnkosten durch eine Senkung der Infrastrukturkosten z.B. im Rahmen der Einführung von Home Offices für die Arbeitsplätze, an denen das sinnvoll ist, zu kompensieren. Im Extremfall könnten dadurch sogar Entlassungen vermieden werden. Durch die neuen Möglichkeiten der Kollaborationstechnologie sind viele Einwände, die es früher gegenüber Home Offices gab, weitestgehend vom Tisch zu wischen.

Die Flexibilisierung des Arbeitsplatzes wird durch elektronische Erfassbarkeit von Informationen, leistungsfähige Endgeräte, Mobilität der vernetzten Endgeräte, Flächendeckung durch das IT-Netz, hinreichende Performance im Netz und benutzerfreundliche Arbeitsoberflächen unterstützt. Auf der Seite der Infrastruktur sind gute Verwaltbarkeit, ein stimmiges und vollständiges hochwertiges Sicherheitskonzept weitere Voraussetzungen für Stabilität und Zuverlässigkeit. Aber: man sollte die für viele Arbeiten benötigten Volumina nicht unterschätzen. Diese kann heute gering sein, kann aber durch Integration neuer Möglichkeiten wie Video-Kollaboration rasant steigen. Hier muss vor allem für die Backbones gelten: Flexibilität, Skalierbarkeit und Einfachheit. Komplizierte Konzepte haben hier nichts zu suchen.

Eine weitere Voraussetzung sind leistungsfähige, ggf. leichte und kompakte Endgeräte, und da lässt der Markt wirklich kaum etwas zu wünschen übrig. Die Leistung bei Endgeräten steigt nach wie vor nach Moore´s Law, also Verdopplung alle 18 Monate und das bedeutet wegen der allgemeinen Marktentwicklung auch: pro Jahr ca. 66 % mehr Leistung fürs selbe Geld.

Wie schon in früheren Kapiteln ausgeführt, hat sich die völlige Verteilung von Daten und Verarbeitungskapazität nicht bewährt. Multinationale Großunternehmen führen schon seit längerem Projekte zur Rezentralisierung durch. Eine Rezentralisierung ist üblicherweise bezogen auf Organisationseinheit oder Lokation/Land/Sprachraum. KMUs werden sich vornehmlich Application Service Providern anschließen, weil sie die notwendigen Leistungen und Vorbereitungen wahrscheinlich nicht aus eigener Kraft schaffen können.

Vor allem im Bereich der Großunternehmen profilieren sich Gesamt-Lösungsanbieter als Dienstleister, z.B. IBM Global Services. Diese sind von ihrer Struktur her multinational aufgestellt und können Leistung dort erzeugen, wo es billig ist und sie mittels geeigneter Netzwerkstrukturen dahin bringen, wo sie benötigt wird. Dadurch sind sie in der Lage, vielfach herrschende Kostenstrukturen bei gleicher oder sogar besserer Leistung zu unterbieten. Neben der Personalkosten- und Strukturoptimierung helfen dabei auch moderne Finanzierungs- und Leasingmodelle für Equipment.

Für das Netzwerk-, Service- und Anwendungsmanagement ergeben sich allerdings dadurch eine Reihe neuer Herausforderungen:

  • „Hintereinanderschaltung“ unterschiedlicher Netze
  • „Hintereinanderschaltung“ unterschiedlicher Provider
  • „Multi-Network“, „Multi-Provider“, „Multi-Layer“
  • neue Technologien, wilder Mix
  • Performance/Service-Management als Basis für dauerhaft sinnvolle Nutzung der neuen Perspektiven mit erweiterten Anforderungen an Performance/Service-Management
  • Sicherheits-Management
  • Bereinigung des „Management-Zoos“
  • Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit des Betriebs

Wir werden diese Punkte im Folgenden weiter ausleuchten.

Ein (kleineres) konventionelles Unternehmen hat heute (noch) Verwaltung und Fertigung an einem Ort und das Corporate Network kann besonders einfach und übersichtlich aufgebaut werden.

Oftmals sind auch Verwaltung und Fertigung getrennt. Dann besteht das Corporate Network aus zwei disjunkten Teilen, die mittels Standleitungen oder VPN eines Carriers zusammengeschaltet sind. Je kleiner das Unternehmen ist, desto mehr wird der Betrieb eigener Fern-Leitungen oder sogar eines eigenen Corporate WAN zur Ausnahme. Man verlässt sich lieber auf einen Dienstleister.

Ich nehme hier in diesen Darstellungen Filialen oder andere untergeordnete Organisationseinheiten, die technisch wie Filialen betrieben werden, aus. Sie werden schon seit Anfang der 70er Jahre mit DV-Leistung versorgt und die Betreiber haben mittlerweile herausgefunden, wie sie das am besten und am wirtschaftlichsten machen können. Für diese Darstellung konzentriere ich mich auf die wesentlichen Kernbereiche, auch wenn es zu der Versorgung von Filialen noch viel zu sagen gäbe. Sie sind aber nicht wirklich das Problem, es ist allerdings sinnvoll, sich auch hier umzusehen, was der Markt vor allem durch die Erschließung gewaltiger Teilnehmerbereiche.zu minimalen Kosten mit DSL hergibt und welche Potentiale hier in einem Redesign liegen.

Sobald ein Unternehmen globalisiert, wird die Sachlage sofort komplexer. Ein relativ einfacher Fall ergibt sich dann, wenn die Produktion auf verschiedene Standorte verteilt wird. Hier hat man mit dem Problem zu tun, dass ggf. unterschiedliche Carrier benutzt werden müssen, um ans Ziel zu kommen. Diese geben einem Betreiber zum einen sehr unterschiedlichen zum anderen nur unwillig Einblick in den Zustand ihres Netzes und die Teile, die den Kunden betreffen. Es gibt hier allerdings eine Reihe von Entwicklungen, die die Hoffnung auf Besserung der Situation in sich tragen. Denn es ist nicht immer der böse Wille der Provider, sondern auch ein gewisse Mangel an Standards, die eine übergreifende Beobachtung von Netzverkehr über mehrere Domänen hinweg ermöglichen.

Schwieriger wird die Sache dann, wenn nicht nur die Fertigung, sondern auch die Verwaltung dezentralisiert werden. Dazu gehört natürlich eine umfangreiche Umstrukturierung der gesamten produktiven Prozesse, und alleine das ist schon eine hohe Herausforderung. Von der Netzseite her ist es so, dass es in den meisten Fällen darauf hinauslaufen wird, dass die Teile der Verwaltung untereinander ein großes virtuelles Netz bilden. Dies stellt natürlich erhebliche Anforderung an die das Ganze letztlich tragenden einzelnen technischen Verbindungen und Backbones. „relativ“ komplex ist es, wenn die Verwaltungen einerseits und die Fertigungsstätten andererseits gruppenweise eine gewisse räumliche Äquivalenz aufweisen, also z.B. alle Verwaltungen im „alten“ Europa, die Fertigung in Lettland, Ungarn und China. „Richtig“ komplex wird es dann, wenn generell weltweit und ohne sichtbaren Zusammenhang zwischen den Gruppen gearbeitet wird.

In den nächsten Folgen sehen wir exemplarisch, mit welchen Strategien und/oder Produkten man diesen Problemen Herr werden kann.

Es sei aber darauf hingewiesen, dass eine solche einführende Darstellung keine Blaupausen für Lösungen realer Problemstellungen in einem Unternehmen oder einer Organisation geben kann, sondern nur einige Hinweise.

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