E-Business Frühindikatoren

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Teil 44 von 71 aus der Serie "Professionelle Datenkommunikation"
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Da heute praktisch alle Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen über das Internet miteinander vernetzt sind und sich auf diese Weise ein gewaltiges ökonomisches System ergibt, hat man schon früh versucht, Indikatoren zu entwickeln, die anzeigen, wie es diesem System insgesamt geht und an welchen Stellen Wachstum zu erwarten ist und wo eher Kostenfallen stecken. Das in diesem Artikel vorgestellte System ist ca. 10 Jahre alt, funktioniert aber auch heute noch prächtig.

Ausgangspunkt des hier beschriebenen Systems war eine gemeinsame Studie von Cisco Systems und der University of Texas zu Internet Economy Indicators IEI. In dieser Studie hat man die wesentlichen Bestandteile der Ökonomie zerlegt und dann für jeden Teil die Vergangenheit beobachtet und versucht, Schlüsse zu ziehen. Da wir uns hier zunächst auf die Geschichte der Entwicklung beziehen, zeigen wir auch Indikatoren aus der Frühzeit. Das hat aber auch seinen Grund darin, dass die Indikatoren später nicht mehr so detailliert veröffentlicht wurden. Rückwirkend betrachtet waren sie nämlich ZU gut, das kann man natürlich auch nicht immer brauchen, wenn man etwas verkaufen möchte und dafür einen mehr oder minder ungebremsten Wachstumsoptimismus benötigt. Die Bereiche sind:

  1. Infrastruktur
  2. Anwendungen
  3. Intermediäre
  4. Internet Commerce

Bild 1 zeigt Elemente der Infrastruktur wie Provider und Hersteller von Netzwerk-Ausrüstungen und das Bild 2 die Entwicklung des Umsatzwachstums bis 2000 und die Prognose für die Jahre danach.

Das prognostizierte Umsatzwachstum von grob 12% pro Jahr für die Teilnehmer der Infrastruktur insgesamt war eine sehr seriöse Schätzung und hat sich in Folge bestätigt. Allerdings war diese Prognose mit ein Auslöser für das Platzen der Internet-Blase, was man auch daran sieht, dass es einige Unternehmen aus Bild 1 nicht mehr gibt.

Bild 3 zeigt Elemente der Anwendungen wie Berater und Hersteller von Suchmaschinen, Web-Applikations-Software usf. und das Bild 4 die Entwicklung des Umsatzwachstums bis 2000 und die Prognose für die Jahre danach.

Hier wurde ein stärkeres Wachstum angenommen, was ja auch nicht unbegründet ist, weil zu mindestens die Hersteller Software entwickelten, die es in dieser Art vorher noch gar nicht gab. Auch dieser Trend hat sich bis heute bestätigt, allerdings gab es viele neue Hersteller und erhebliche Verwerfungen für Einzelne.

Bis zu dieser Stelle hat der normale Benutzer die Produkte kaum wahrgenommen, wenn man einmal vom Internet-Anschluss durch einen Provider absieht. Das ändert sich mit den Intermediären.

Bild 5 zeigt Elemente der Intermediären wie die frühen Bereiter Vertikaler Märkte, Content Provider usf. und das Bild 6 die Entwicklung des Umsatzwachstums bis 2000 und die Prognose für die Jahre danach.

Hier wurde ebenfalls ein starkes Wachstum angenommen, allerdings hat sich dieser Teilbereich durch die aufkommende Dominanz von Suchmaschinen wie Google (das Unternehmen wird in der Studie noch nicht genannt) und die Integration von Funktionen der Intermediäre in die Software der eigentlichen Anbieter zunächst bis zur Unkenntlichkeit verworfen. Durch das Aufkommen der Apps, die die Funktionen der Intemediäre auf eine ganz andere Art bereitstellen, wurde er schließlich komplett terminiert.

Bild 7 zeigt Elemente des frühen E-Business und das Bild 8 die Entwicklung des Umsatzwachstums bis 2000 und die Prognose für die Jahre danach.

Man sieht deutlich, dass hier Namen zu finden sind, die es heute noch gibt. Das waren wohl die Erfolgreichen. Die Prognose für das Umsatzwachstum sieht dann auch etwas ungewöhnlich aus. Man konnte nur annehmen, dass es Tops und Flops geben würde. Das hat sich ja auch bestätigt. Bei den Tops konnte man annehmen, dass sie nach einer Anlauf-Phase in relativ unbestimmter Weise „explodieren“ würden, bevor sich das Wachstum dann auf einem relativ hohen Niveau beruhigt. Genau das haben wir z.B. bei Google oder Apple beobachten können. Da der Markt seiner Natur her aber nicht unendlich groß ist, bedeutet Wachstum des Einen auch Kannibalisierung des Anderen.

Was können wir nun (wie oben versprochen) noch heute aus dieser Studie entnehmen?

Ersetzt man die Intermediären einfach durch die Apps (was mir im Mittelalter Vierteilung wegen Ketzerei eingebracht hätte), ergibt sich durch die Schichten ein stabiles System mit deutlichen Abhängigkeiten. Die wesentliche Abhängigkeit ist die, dass ein wie auch immer gearteter Fortschritt in den E-Business Anwendungen und –Angeboten im wahrsten Sinne des Wortes „auf die Straße“ gebracht werden muss. Kommt es hier zu Unstimmigkeiten, können titanische Business-Pläne schnell dem Untergang geweiht sein. Andererseits schauen Provider sehr genau hin, was denn voraussichtlich von den zukünftigen Angeboten auch in einem solchen Umfang wahrgenommen wird, dass sich die (immer mit erheblichen Kosten verbundene) Aufrüstung der Netze lohnt.

So gab es z.B. Mitte Mai 2012 eine sehr schlechte Nachricht von Infonetics, einem führenden Marktforschungsinstitut. Im ersten Quartal 2012 haben die Provider die Ausgaben für den Ausbau ihrer Glasfasernetze deutlich um 23 % (!) zurückgefahren, allerdings in den geographischen Bereichen sehr unterschiedlich. Wurden in den USA weniger als 5% gekürzt, waren es in EMEA, woran Europa den größten Umsatzanteil hat, über 33%, das ist für Europa das schlechteste Quartal seit fünf Jahren.

Das bedeutet, dass die Provider in Europa für die nächste Zeit keinerlei Chancen für ein Wachstum sehen, das die Erhöhung der Kapazitäten rechtfertigen könnte. Man muss dazu sagen, dass neben der Tatsache, dass die Glasfasernetze die absolute Basis für jegliche Kommunikation außerhalb privater Gelände sind, diese keinesfalls schnell erweitert werden, sondern nur in einem relativ langsamen Prozess wachsen können. Das liegt weniger an der DWDM-Technik selbst, die ja durch Fortschritte wie Polarisationsmodulation aus einer bestehenden Faser viel mehr Übertragungsrate herausholen kann als bisher geplant als vielmehr an dem weit verzweigten Netzwerk der Unterverteilungen, die die Datenrate von mehreren Terabit/s. in irgend einer Weise sinnvoll bis zu den individuellen Benutzern herunterbrechen können.

Diese sicherlich wohl fundierte Skepsis der Provider schüttet im Grunde genommen heftig Sand ins Getriebe der Datenkommunikation in Europa. Der in den USA in 2012 vollzogene Schritt zu 4G Mobilfunk durch den Ausbau der Netze von AT&T, Vodafone & Co wird sich dadurch hier entsprechend verzögern.

E-Business-Anwendungen, die auf eine schnelle Mobilfunkanbindung angewiesen sind, werden es daher in Europa erheblich schwerer haben als in den USA.

Bevor wir im weiteren Verlauf der Reihe wieder auf Prinzipien des E-Business zurückkommen, wenden wir in der nächsten Folge den Blick wieder in die Unternehmen und Organisationen und zwar hinsichtlich der Nutzungsphasen von Intranets.

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