Eindrücke vom WebRTC-Client Wire

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Etwas verfrüht bereits am 3.12. brachte uns der Nikolaus dieses Jahr einen funkelnagelneuen Messenger: Wire. Während die Fachpresse sachlich-langweilig die Pressemitteilungen zitierte, blies die Boulevardpresse direkt zum Untergang von Skype und WhatsApp. Mein erster Gedanke war hingegen: nicht noch ein Messenger. Doch da Wire auf WebRTC setzt, und damit einem kommenden (Quasie-)Standard folgt, ist es jedoch sozusagen meine berufliche Pflicht, mich damit zu beschäftigen. Wenn schon kein Skype-Killer, ist Wire dann vielleicht eine unternehmenstaugliche Alternative zur Kommunikation mit Endkunden?

Normalerweise ist mein Kollege Geller für alles Rund um WebRTC zuständig, doch dieses Mal ist er vorläufig auf die Ersatzbank verbannt, denn das nagelneue Wire gibt es aktuell nur für iOS ab 8.0, Android ab 4.2 und OS X ab 10.9. Angekündigt ist auch eine Browserversion („Wire for browsers will be available soon“) von Windows liest man allerdings nirgends etwas. Super, dachte ich, endlich mal ein Unternehmen, das die richtigen Prioritäten setzt. Also suchte ich schon mal mein Testequipment zusammen: iMac, MacBook, iPhone 5 und ein Nexus 9; allesamt auf dem neuesten Stand des jeweiligen Betriebssystems. Die erste Ernüchterung kam ausgerechnet bei meinem neuesten Gerät, dem Nexus 9 (vgl. Bild 1)

Was mich an der Meldung im PlayStore etwas versöhnte, war die nette automatische Übersetzung: „Einführung Draht“ … dachte der wäre schon erfunden worden.

Die Installation auf den anderen Geräten verlief erwartungsgemäß ohne Probleme, die setzten erst ein, als ich einen Account anlegen wollte. Der Run auf die Server war scheinbar zu groß: zwar verliefen die ersten Schritte reibungslos und auch performant, jedoch bekam ich die Mail mit dem Registrierungslink nicht. Auch im Spam-Fach landete sie nicht. Also nochmal angefordert (geht 1x), und nochmal mit derselben Email-Adresse registriert (geht scheinbar beliebig oft). Irgendwann trudelten dann doch die Mails ein und ich konnte mich registrieren.

Bei der Installation muss man sich anmelden (oder registrieren) und ein Bild von sich hochladen. Tipp: nehmen Sie hochauflösende Fotos, sie werden später recht groß dargestellt. Außerdem kann man sich eine Farbe für den Hintergrund des Clients aussuchen. Wer mag kann den Zugriff auf sein Adressbuch freigeben, um andere zu finden, die das Programm schon nutzen. Bei mir war das erwartungsgemäß niemand.

Als nächstes wollte ich die Einstellungen anpassen, schließlich versprach der Appstore neben Englisch auch viele andere Sprachen wie Deutsch oder Bokmål (vgl. Bild 2). Die Einstellungsmöglichkeiten sind übersichtlich (vgl. Abbildung 3), aber einen Punkt „Sprache“ gibt es nicht. Also kein Bokmål, nur Englisch zur Zeit, schade. Aber auch Codecs für die Audioübertragung können nicht ausgewählt werden. Offensichtlich werden Funktionen für Fortgeschrittene der einfachen Bedienbarkeit geopfert. Nun, wenn die Qualität stimmt, soll das soweit okay sein. Dazu später mehr.

Kommunikation kann man alleine nicht testen, also griff ich tags drauf ganz konservativ zum Telefon und rief einen Freund mit einem iMac an. Vorteil für den Test ist, dass er ein typischer User ist, also weder Nerd noch DAU. Da Kommunikationslösungen einfach zu bedienen sein müssen, sonst werden es Rohrkrepierer, bin ich nicht die ideale Testperson. Anders als ich würde er nie nach Audio-Codecs suchen.

Anders als am Vortrag kam die Mail mit dem Bestätigungslink nach der Registrierung prompt. Es war wahrscheinlich nur ein Performance-Problem nach der Einführung. Wenn man von Heise und Bild gleichzeitig verlinkt wird, kommt das einem Denial-of-Service Angriff gleich. Dafür haben sich die Server am Vortag gut geschlagen.

Bei der Personalisierung gab es jedoch ein Problem: sein Lieblingsfoto funktionierte nicht. Aber auch das kann man Wire nicht anrechnen, da es sich um ein proprietäres RAW-Format handelt. Dass aber keine Fehlermeldung kommt, ist dann schon verwirrend. Einmal eingerichtet, sieht der personalisierte Client aus wie in Bild 4 zu sehen.

Die Chatfunktion ist wenig spektakulär und macht was sie soll. Neben Text können auch Videos, Musik oder Bilder getauscht werden. Letzteres haben wir versucht (vgl. Bild 5). Trotz der Größe des Bildes war die Übertragung zügig und die angezeigte Qualität hervorragend. Die Bilder skalieren beim Desktop Client mit der Größe des Anwendungsfensters, was mir persönlich gut gefällt.

Nun war es an der Zeit die Voice-fähigkeit von Wire zu testen. Ein Anruf ist schnell gemacht und mit wem man (alles) verbunden ist, wird übersichtlich dargestellt (vgl. Bild 6).

Bevor wir die Sprachqualität bewerten, muss ich ein paar Worte zum Setting machen: während auf meiner Seite eine durchgängig stabile Verbindung vom Rechner bis zum Internet bestand, war die auf Seiten meines Gesprächspartner geprägt durch ein stark schwankendes WLAN. Die Konsequenz war, dass während des Gespräches teilweise sekundenlang keine Daten übertragen wurden. Leider wurde das nicht durch einen Verbindungsabbau oder eine Meldung signalisiert. So war mir nicht klar, ob mein Gegenüber nun gerade einfach nichts sagte oder ob nur keine Daten übertragen wurden. Nichtmal Wortfetzen oder geshredderte Tonfolgen wie bei Problemen beim Handy kamen an. Auch sonst hat mich die Tonqualität nicht vom Hocker gehauen, da gibt es besseres. Fazit zum Ton: für instabile oder schmalbandige Leitungen kaum geeignet.

Zusammenfassung der ersten Eindrücke
Was gefällt

  • Die Optik
    Die ist uneingeschränkt gelungen (gilt für die getesteten Systeme iPhone und Mac).
  • Einfachheit
    Nach kurzer Eingewöhnung findet man die zugegebenerweise wenigen Funktionen zügig.
  • Bild- & Textdarstellung
    Beides ist übersichtlich und gelungen.
  • WebRTC

Die Nutzung eines offenen Standards gefällt und lässt für die Zukunft hoffen. Insbesondere wenn die Browser-Version nachgeliefert wird, kann darauf gehofft werden, dass es bei WebRTC fähigen Browsern ohne Installation irgendwelcher Plug-Ins möglich sein wird, Wire zu nutzen.

  • Werbefrei
    Das Unternehmen verspricht, werbefrei zu sein.
  • Sitz des Unternehmens
    Endlich mal ein Kommunikationsportal mit Sitz in Europa.

Was nicht gefällt

  • Sprachqualität bei schlechten Verbindungen

Was fehlt

  • Video
    Das ist nun wirklich merkwürdig. Es ist zu hoffen, dass diese Fähigkeit nachgeliefert wird. Ein neuer Chat-Client, wer braucht denn heutzutage so was noch? Davon gibt es mehr als genug.
  • Breakout
    Aktuell ist das System „gekapselt“. Weder kann in die klassische Telefonie-Welt noch zu anderen Kommunikationsplattformen eine Verbindung aufgebaut werden. Ob sich das ändert, wenn der Standard WebRTC sich verbreitet, bleibt abzuwarten.
  • Tabletversion für Android
  • Windowsversion
  • Weitere Sprachen

Was verwundert

  • Rentabilität
    Würde ich Aktien dieses Unternehmens kaufen, wenn es sie gäbe? Nein. Warum nicht? Weil ich keinen blassen Schimmer habe, womit sich das Unternehmen finanzieren will. Denkbar sind einige Möglichkeiten, bspw. Firmenlizenzen für die Einbindung des Dienstes auf der eigenen Homepage oder ein Breakout ins Telefonnetz. Ersteres dürfte spannend werden, sobald es eine Browser-Version gibt und alle gängigen Browser WebRTC nativ unterstützen.
  • Fehlende Windowsversion
    Ich kann mir vorstellen, dass man auf eine Windowsversion zugunsten des Browser-Clients verzichten will. Nur stellt sich dann die Frage, warum es eine OS X Variante gibt. Während Apps auf Smartphones und Tablets noch Sinn machen, wäre bei existenter Browserversion ein spezieller Client für Desktopbetriebssysteme überflüssig.
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