Elektroanlagen aus Altbeständen für IT und deren Prüfungen

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In vielen Geschäftsgebäuden, Büros und Liegenschaften des öffentlichen Dienstes sind die gleichen Situationen zur Versorgung der elektrischen Versorgung der Informationstechnologie, Gebäudesicherheitstechnik und elektronischer Systeme jeglicher Art zu beobachten.

Die Gebäude sind gemietet und eine vorhandene elektrische Infrastruktur aus den 60-ern bis 2000ern Errichtungszeiträumen muss für die Versorgung der IT genutzt werden.

Die turnusmäßigen stattfindenden „Scheinprüfungen“ der Elektroprüfer bestätigen eine fehlerfreie Anlage, obwohl diese überhaupt nicht „ehrlich“ geprüft werden kann.

Man benötigt lediglich für die Feuerversicherung und die Berufsgenossenschaft eine Bestätigung, dass alles den Vorschriften entspricht. Es wird „Papier“ produziert, obwohl meistens nicht einmal ein Übersichtsplan der elektrischen Anlage jemals vorhanden war. Die in den Verteilungen liegenden Bereichsstromlaufpläne sind nicht aktualisiert und niemand hat sich die Mühe gemacht, die Absicherungen, Leitungsquerschnitte oder auch die Belastung zu prüfen. Ich bin schon heilfroh, wenn wenigstens handschriftliche Ergänzungen lesbar eingetragen sind.

Bessere und aktuelle Dokumentationen sind erforderlich, um Anlagen zu warten, Fehler zu suchen und zu prüfen.

Sicherungsautomaten und Schutz durch Abschaltung und Verteilsysteme
Die Sicherungsautomaten sind z.T. mehr als 30/40 Jahre installiert und niemand kann für die korrekte Auslösung im Fehlerfall eine Aussage machen, ob dies auch noch funktioniert.

Gefährlichste Anschlüsse offenbaren sich, wenn die z.T. leicht entflammbaren Abdeckungen speziell der Kleinverteilungen abgenommen werden.

Die Abdeckungen überstehen oft nicht einmal den einfachen 10 Sekunden Streicholztest nach VDE 0100 Teil 482, sondern nur den Glühdorntest.

Und ganz unabhängig davon, ob ein verwendeter Kunststoff brennt oder nicht, stimmt es doch sehr nachdenklich, wenn die Verkleidung eines einfachen Sicherungsautomaten oder Haushaltgerätes besser ausgerüstet ist als das Gehäuse eines Klein-Verteilers samt seiner Abdeckung.

Die technischen Bestimmungen sind zu sehr durch die Hersteller dominiert, welche aktiv an der Normung mitarbeiten. Folglich sind Normen mitunter eher den Firmeninteressen als denen der Sache verpflichtet. Es muss erst ein größerer Schadenfall eintreten, der einen öffentlichen Druck auslöst. So hat der Brand des Düsseldorfer Flughafens zu einer erheblichen Verschärfung der Kabelanforderungen und Sicherheitstechnik geführt. Auf der anderen Seite spielen Kosten in der Herstellung und Vermarktung eine immer größere Rolle.

Sobald eine Brandmeldeanlage / Sprinkleranlage verpflichtend installiert ist, handelt es sich um eine feuergefährdete Betriebsstätte, da man sonst solche Sicherheitseinrichtungen ja nicht einbauen müsste. Es wird auch in der 0100 Teil 482 nur von den Umgebungsmaterialien von elektrischen Anlagen gesprochen. In einer Verteilung sind aber Lichtbögen durch lockere Klemmen und Beschädigungen möglich, die zu einer direkten Zündung der Abdeckungen der Verteilung führen können.

Da das Brandverhalten der Kunststoffabdeckungen einer Produktnorm genügen muss, fallen die Abdeckungen halt leichtentzündlich aus.
Testen Sie es selbst einmal an Ihrer Elektro-Verteilung aus und Sie werden hoch erschrocken sein.

Aus diesem Grund empfehle ich heute die Verteilungen „fingersicher“ zu gestalten und die brennbaren Verkleidungsstoffe erst gar nicht einzubauen.

Damit ist auch eine bessere Übersicht gefordert und der Installateur kann nicht die Kabel hinter Verkleidungen „verstecken“ und muss sauberer arbeiten.

Als positiver Nebeneffekt kann mit Thermokameras und anderen Messgeräten direkt gearbeitet werden ohne umständlich die Verkleidungen zu entfernen.

Netzform und deren Bedeutung für die IT
In der gleichen Norm ist schon seit 2003 ein Verbot eines PEN-Leiters = TN-C-Systems dokumentiert.

Das heißt konkret, dass in IT–Umgebung nicht nur aus funktionellen Datenübertragungsgründen kein TN-C System verwendet werden darf, sondern dass schon seit vielen Jahren ein M U S S eines überwachten TN-S-Systems besteht.

Die Frage ist, wie kann man aus einem bestehenden TN-C-System unter den Sachzwängen einer bestehenden Installation z. B. in gemieteten Gebäuden ein EDV = IT konformes TN-S-System realisieren? Wer kommt für die Kosten auf und kann man als Mieter darauf bestehen ein IT-Konformes Netz nachzurüsten?

Das BSI hat in der 13 Ergänzungslieferung 2013 dazu extra die Maßnahme „M 1.74 EMV-taugliche Stromversorgung“ in den Katalog der Infrastruktur-Maßnahmen aufgenommen. Damit werden die Realisierung eines TN-S-Systems sowie die Umsetzung einer Reihe weiterer Aspekte der EMV-Tauglichkeit der Stromversorgung für alle Grundschutzkonformen IT-Verbünde verpflichtend.

Eine Sicherung oder auch ein Sicherungsautomat soll bei Überlast und bei einem Kurzschluss möglichst schnell und selektiv den Stromkreis vom Netz trennen.

Diese Methode wird Schutz durch Abschaltung genannt.

Alle Berechnungsprogramme sind auf diese Kriterien ausgelegt.

Ein normaler Sicherungsautomat 16 A mit B-Kennlinie kostet gerade mal 1 € in der Herstellung. Je nach Bezugsquelle wird zwischen 1,30 € und 6,50 € für dieses der Sicherheit dienende Bauelement verlangt. Ein Verbleib über viele Jahrzehnte stellt die in ihn gestellten Erwartungen einer sicheren Abschaltung wegen der unvermeidlichen Alterung aller verwendeten Materialien stark in Frage.

Vorgeschriebene Fehlerstromschutzschalter sind trotz Plicht nach der VDE 0100 Teil 410 nicht einmal in die Steckdosenstromkreise eingebaut. In Leuchten und IT-Stromkreisen schon längst nicht, da ja keine Verpflichtung dazu besteht.

Ein Brand oder auch Personenschaden kann aber auch von diesen Versorgungseinheiten ausgehen.

Bei einem unvollständigen Kurzschluss oder auch Lichtbogen unterhalb der Auslöse-Kennlinie kann weder der FI noch der Sicherungsautomat als Schutzeinrichtung nicht bestimmungsgemäß wirken. Dabei sind unvollkommene Kurzschlüsse durch Quetschung und Kabelschäden sehr häufig die auslösende Schadenursache.

Gegen diese Gefahren kann eine einfache Sicherung / LS-Schalter nicht schützen.

Der FI kann schon mehr und eine Feuchtigkeitseinwirkung oder Isolationsversagen gegen Masse löst den FI aus.

Neu ist der „Brandschutzschalter“, der auch die nichtdefinierte Stromaufnahme im HF Strombereich analysieren und so Lichtbögen und Schmorstellen sicher identifizieren kann.

In den USA wird er sogar für Haushalte inzwischen vorgeschrieben. In Deutschland ist er dagegen völlig unbekannt, da er mit ca. 100 € zu teuer ist.

Seit die Thermokameras preiswert geworden sind, führen „Zertifizierte Thermographen“ optische Prüfungen an elektrischen Verteilungen durch, welche nur bedingt helfen, da die Strombelastung zu den verschiedenen Betriebssituationen völlig unterschiedlich sein kann. Ohne Kenntnis des Lastganges und der tatsächlichen Kenntnis der Stromanalyse und Oberschwingungsverhältnisse ist das Prüfungsergebnis oft das Papier nicht wert, auf dem es vorformuliert ausgedruckt wird.

Findet der Prüfer Fehler, wird er das nächste Mal nicht wieder beauftragt, da man nur fehlerfreie Protokolle wünscht.

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Ein Kommentar zu "Elektroanlagen aus Altbeständen für IT und deren Prüfungen":

  1. Andreas Horn schreibt:

    Sehr geehrter Herr Otto,

    bezüglich der bei uns vorhandenen Altanlagen und der dazu teils nur unvollständigen Dokumentation und der durch die politisch gewollte kaufmännische Betriebsführung getriebenen Sparpolitik habe ich immer wieder Bedenken, ob das, was wir treiben, auch wirklich vernünftig ist. Ihr Artikel unterstreicht den Sachverhalt sehr eindrücklich. Wir als Techniker sind allerdings dafür der völlig falsche Ansprechpartner, hier ist ein Umdenken in der Politik gefragt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Andreas Horn

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