Mobile Endgeräte: brauchen wir ein neues IT-Verständnis?

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Mobile Endgeräte verdrängen stationäre Endgeräte, daran besteht kein Zweifel.

Dies bedeutet:

  • In den Unternehmen werden in Zukunft deutlich mehr mobile als stationäre Endgeräte existieren
  • Auf der Kundenseite werden wir die gleiche Entwicklung sehen
  • Es entsteht die Frage, ob die heute bestehenden IT-Infrastrukturen, ja ob unser gesamtes Verständnis von IT dieser Entwicklung gewachsen ist oder ob hier weitreichende Änderungen erforderlich sind

Mobile Endgeräte: gibt es einen Gewinner?
Unter mobilen Endgeräten verstehen wir alle Geräte, an denen wir IT-typische Aufgaben ausführen können, also Emails schreiben, Texte lesen und verfassen und vieles andere mehr. Die Spannbreite der Geräte reicht von Smartphones über Tablet-Computer bis hin zu Laptops. Dabei beobachten wir schon länger die Zunahme der Zahl der Endgeräte pro Person. Mit immer mehr Formfaktoren und Geräte-Varianten wird sich diese Entwicklung in naher Zukunft eher noch verstärken. Wird es dabei einen Gewinner geben, also ein bestimmtes Gerät, das sich durchsetzen wird?

Vorerst vermutlich nicht. Auf der Smartphone-Seite wird es weiter den bisherigen Mix aus Android und iOS-Geräten geben. Microsoft wird an Bedeutung gewinnen, wie viel ist unklar. Das wird weniger an der Hardware und dem Betriebssystem als vielmehr an der Verfügbarkeit von Applikationen hängen. Speziell eine mobile Form von Microsoft Office und die Einbindung in Cloud-Dienste könnte Einfluss auf den Markt haben. Bei Android wird auf unabsehbare Zeit das Chaos aus verschiedener Hardware, verschiedenen Android-Versionen, der Unfähigkeit alle Geräte auf einer Version zu halten und der Inkompatibilität von Software den Betrieb innerhalb der Unternehmen bestimmen und erschweren. Auf der Tablet-Seite wird die heutige Dominanz von Apple mindestens noch 2 Jahre anhalten.

Drei wesentliche Trends beeinflussen die Frage nach einem möglichen Gewinner:

  • Die Hardware wird tendenziell an Bedeutung verlieren. Die Ausstattung der Geräte wird sich immer weiter annähern. Aspekte wie Lesbarkeit des Displays, Qualität der Kamera, Gewicht und Größe werden eine gewisse Rolle spielen. Aber der wesentliche Trend ist weg von der Hardware und hin zur Software. Die Qualität der Bedienung und die Verfügbarkeit attraktiver Apps wird entscheiden, welche Geräte und Hersteller gewinnen oder verlieren.
  • Tablet-Computer werden eine große Rolle spielen und die Bedeutung des Smartphones verringern. In ähnlicher Form werden Tablets stationäre Systeme weiter verdrängen. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Mehrzahl der Anwender im Unternehmen irgendeine Form von Tablet nutzen werden. Parallel wird es viele neue Nutzungsformen geben, so dass neue Benutzer, die bisher nicht in IT-Prozesse eingebunden sind, hinzukommen werden.
  • Modulare Systemkonzepte können langfristig die gesamte Entwicklung auf den Kopf stellen. Darunter verstehen wir die Integration getrennter mobiler Geräte zu einer Systemarchitektur, also speziell die Integration mobiler Festplatten, eines Tablets und eines Bildschirm-Gerätes. Durch die schnelle und umfassende Entwicklung der Hardware- und Grafik-Leistung wären aktuelle Tablets schon heute in der Lage, einen kompletten Arbeitsplatz zu formen. Betrachtet man die nächste und übernächste Generation von CPU- und Grafik-Chips, dann stellt sich bereits die Frage, was diese Leistung allein in einem Tablet eigentlich machen soll. Im Grunde wären die Tablets mit ihrer heutigen Nutzung dann absolut überpowert. Was – außer Gaming natürlich – könnte man also sinnvoll mit dieser Leistung anfangen? Tablets werden in sehr kurzer Zeit leistungsmäßig in der Lage sein, den gesamten Applikationsbedarf für 90% aller Benutzer auf der Endgeräteseite abzudecken. Airplay und Bluetooth sind auf Dauer vermutlich nicht leistungsfähig genug, um ein solches Systemkonzept wirklich umzusetzen. Auf der Funkseite kann aber speziell IEEE 802.11ad eine völlig neue Basis für modulare Systemkonzepte innerhalb eines Raumes und auch darüber hinaus liefern.

Die aktuelle Prognose von ComConsult Research:
Das tragbare Tablet wird den Desktop in spätestens 5 Jahren ablösen. Die Vision ist ein Tablet als Kern einer modularen System-Architektur. Über Funktechnik oder über eine Docking-Station werden bei Bedarf externe Speicher-Systeme und Bildschirme eingebunden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Cisco Cius, das zwar unter einer anderen Zielsetzung entwickelt wurde, aber im Kern visualisiert wo die Entwicklung hingeht. Auch die Nutzung von Tablets im neuen Systemkonzept von Polycom zeigt in diese Richtung. Kombinieren wir das mit der Gigabit-Leistung zukünftiger WLAN-Technik, speziell mit IEEE 802.11ad, dann wird das Bild rund. Es wird keine stationären Endgeräte mehr geben, wir werden „unser“ Endgerät immer dabei haben.

Diese Entwicklung geht einher mit der Einbindung zukünftiger Endgeräte in eine Private Cloud Infrastruktur. Die heutigen File-Systeme werden abgelöst durch besser geeignete Cloud-File-Systeme, die zugleich dem erhöhten Sicherheits-Bedarf in der Nutzung mobiler Endgeräte gerecht werden. In gleicher Form werden heutige Applikationen auf den Desktops durch Apps auf den mobilen Geräten verdrängt. Bereits heute existierende Apps zeigen, wie weit die Leistung dabei gehen kann.

Im Klartext: der heutige Desktop-Computer ist in spätestens 5 Jahren tot. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist, welche speziellen IT-Infrastrukturen wir für diese Entwicklung aufbauen müssen.

Eine Anmerkung am Rande. Haben Sie die aktuelle Diskussion über Windows 8 und den Sinn oder Unsinn der gleichzeitigen Bedienung eines Geräts über Maus oder Touch-Screen beobachtet? Warum sollte man einen traditionellen Desktop mit Touch-Screen bedienen oder warum sollte man zu einem Tablet eine Maus mit sich herumtragen? Aber was ist, wenn unsere Vision des zukünftigen Endgeräts als mobiles Gerät im Mittelpunkt einer modularen System-Architektur stimmt? Würden Sie dann nicht am Schreibtisch wieder die Maus benutzen und unterwegs lieber den Touchscreen einsetzen wollen? Bedeutet das nicht, dass sich auch Microsoft auf das Ende des Desktops vorbereitet?

Die Konsequenz: Paradigmen-Wechsel
Der Siegeszug mobiler Endgeräte erfordert, dass wir umdenken müssen. In Zukunft betreiben wir keine Geräte mehr, sondern wir verwalten interne und externe Benutzer und deren Zugang zu Daten und Applikationen. So einfach das klingt, so komplex ist die Umsetzung. Im Kern muss geklärt werden:

  • Wie werden Benutzer und ihre Zugangsrechte zu Daten und Applikationen verwaltet? Wie wird Authentifizierung Geräte- und Orts-neutral in einheitlicher Form für alle Endgeräte umgesetzt?
  • Von welchen Daten und Applikationen reden wir hier eigentlich?
  • Wie erreichen wir dabei den notwendigen Grad an Sicherheit?

Das erste Problem: die Applikationen
Die Lösung der Bindung eines Benutzers an ein einzelnes Endgerät bedeutet natürlich auch, dass Geräte-übergreifend einheitliche oder Format-kompatible Applikationen zur Verfügung stehen müssen. Dies ist momentan speziell für Microsoft-Office nur mit Einschränkungen gegeben. Von daher wird speziell die Einführung von Microsoft Office für mobile Endgeräte im nächsten Jahr zeigen wo wir stehen. HMTL5-basierte Web-Anwendungen sind bei aller zukünftigen Leistung hier nicht die Lösung, die Applikationen müssen auch ohne Internet-Verbindung lokal nutzbar sein. Allerdings wird die Grenze zwischen Web-Anwendung und lokaler App in Zukunft noch mehr verschwimmen als heute. Die Technologie zur Programmierung der Applikation wird sehr ähnlich sein.

Das zweite Problem: die Daten
Bisher ist für die meisten Unternehmen alles einfach und klar. Wir speichern Daten auf File-Servern und Benutzer erhalten von ihrem Desktop nach Authentifizierung am Desktop Zugang zu den zentralen Daten über die üblichen Protokolle wie AFP, SMB, NFS … Mit dem Siegeszug mobiler Endgeräte stellt sich die große Frage, ob wir das wirklich so aufrecht erhalten können. Zwar gestatten alle modernen File-Systeme den neutralen Zugang über WebDAV, aber soll das wirklich die Zukunft sein? Und erfüllen heutige File-Systeme wirklich den Bedarf mobiler Endgeräte? Mobile Endgeräte sind untrennbar mit neuen Risiken verbunden. Die Frage ist also, ob wir nicht generell eine Audit-Fähigkeit der File-Systeme mit der Speicherung jedes Zugriffs auf eine Datei einführen müssen. Auch die Frage der generellen Verschlüsselung von Daten stellt sich neu. Damit nicht genug, neue Ansätze im automatischen Ausfiltern zugänglicher Daten erfordern eine Klassifizierung. Damit sind wir bei der Frage, ob wir unsere heutigen File-Systeme durch Cloud-basierte Lösungen ablösen sollten oder nicht. Diese Frage lässt sich momentan nicht beantworten, aber die Tragweite ist für jeden sofort erkennbar.

Das dritte Problem: der Zugang
Mobile Endgeräte haben die schöne Angewohnheit, mobil zu sein. Entsprechend muss der Zugang zu Anwendungen und Daten von jedem Ort aus, sei es innerhalb der Unternehmen oder außerhalb, möglich sein. Was auf den ersten Blick wie eine Frage nach Bandbreite und Authentifizierung aussieht, ist in der Realität noch viel komplexer. Verteilte Rechenzentren mit virtuellen Infrastrukturen generieren auf der Zugangsseite ein Problem. Gleichzeitig sind sie in Kombination mit automatischer Ressourcen-Verwaltung und dynamischer Verlagerung von virtuellen Maschinen klar die Zukunft. Das Problem ist, dass heutige Routing-Infrastrukturen nicht gut mit beweglichen Servern in einer IP-Adressstruktur umgehen können. Neue Verfahren sind hier gefordert. Dr. Moayeri hat in seinem Insider-Artikel (bitte im Archiv nachsehen) dieses Problem beschrieben, Cisco hat mit LISP einen ersten Lösungsansatz eingeführt. Wie auch immer, die heutigen Netzwerke müssen überarbeitet werden.

Das vierte Problem: WLAN
Modulare Systemkonzepte erfordern eine wesentlich weitergehende Kommunikations-Infrastruktur. Gleichzeitig stoßen neue WLAN-Technologien an die Grenze der Physik. Vereinfacht gesagt kann bei aller Optimierung der Signaltechnik und des Zugangsverfahrens eine hohe Bandbreite nur auf immer kürzeren Entfernungen realisiert werden. Hier ist ein radikales Umdenken erforderlich. Neue WLAN-Technologien wie IEEE 802.11ad werden maximal einen einzelnen Raum abdecken können, dies aber mit Gigabit-Leistung. Ist das ein Drama? Nein, es ist eine Preis- und Handhabungsfrage. Man stelle sich vor, dass wir einfach alle bestehenden Gigabit-Ethernet-Dosen in den Büros durch aktive IEEE 802.11ad Access-Points in Dosenform ersetzen. Das ist in der Praxis aber mehr als ein Preis-Problem der Access-Points, da kann man eher davon ausgehen, dass diese beliebig preisgünstig sein können. Das Problem sind die WLAN-Controller, die bei einer massiven Nutzung von derartigen Gigabit-Mikrozellen mit extrem hohen Bandbreiten zu kämpfen haben. Aber man muss auch die Vorteile einer solchen Lösung sehen: in Kombination mit Tunnel-Protokollen und Overlays entstehen völlig neue und komplett virtualisierte Infrastrukturen. Auf der Serverseite könnte ein OpenvSwitch oder im Falle von VMware das Nicira-Produkt stehen, das schon im Software-Switch direkt im Hypervisor entsprechende Overlays aufzieht. Und der WLAN-Controller? Was ist, wenn wir den in Zukunft als virtuelle Maschine direkt in die Overlay-Technik integrieren? Server werden in spätestens drei Jahren auf 100 Gigabit-Netzwerk-Technik umsteigen, PCI-Express Version 4 in Kombination mit einer Integration des Hubs in den CPU-Chip werden das ohne Probleme umsetzen können. Wir haben also ausreichend Bandbreite. WLAN-Controller sind ein typisches Beispiel für eine gut parallelisierbare Aufgabe. Bis dahin werden wir Blade-Server mit 256 Threads und mehr haben. In Kombination mit der Auslagerung der Control-Plane in einen Software Defined Networking Controller könnte eine leistungsfähige verteilte WLAN-Infrastruktur entstehen. Aus meiner Sicht ist der Hardware-basierte WLAN-Controller mittelfristig tot. Glauben Sie nicht? Wenn wir aktuell Video-Conference MCUs durch virtuelle Maschinen ablösen, sollte dann die Leistung nicht auch für WLAN-Controller ausreichen?

Das fünfte Problem: die Kunden
Unternehmen leben davon, Kunden etwas zu verkaufen. Dieser ganze Prozess wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verändern. Mobile Endgeräte erschließen sich momentan Nutzerkreise, die in der Vergangenheit einen Computer nur unter Androhung von Gewalt genutzt hätten. Damit wird für breite Bevölkerungskreise auch diese Technologie den Zugang zu Markt und Produkten schaffen. Der Kauf von Musik und Videos ist ein Beispiel für diese Entwicklung und für die Veränderung einer gesamten Branche. Aber es wird viel weiter gehen. Kunden werden für nahezu beliebige Produkte eine App des Herstellers für die Kaufentscheidung und den After-Sales-Service erwarten. Wer diese Infrastruktur nicht anbieten kann, hat verloren. Unternehmen müssen sich die Frage stellen, wie ihre Schnittstelle zum Kunden in Zukunft aussieht. Das wird weitgehende Veränderungen auch in den bestehenden IT-Infrastrukturen erfordern.

Die Schlussfolgerung
Ganz einfach formuliert stehen wir vor einer neuen Form von IT. Das bisherige Verständnis von Endgeräten und Infrastrukturen muss neuen Konzepten und damit auch neuen Chancen und Möglichkeiten weichen. Der hier anvisierte Zeitraum sind fünf Jahre. Aber bereits jetzt ist die Zeit gekommen, sich auf diese Entwicklung vorzubereiten. Die Zahl der mobilen Endgeräte wird schon in den nächsten Monaten weiter explodieren. Der gesamte Markt wird sich damit ändern. Und diese Entwicklung beginnt heute. Die Diskussion um Microsoft zeigt dabei wie weitgehend die Änderungen sein können. Aus unserer Sicht wird Microsoft vermutlich diese Entwicklung überstehen, aber am Ende wird ein anderes Unternehmen als heute stehen müssen.

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