Die Zukunft des SIP Protokolls

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Über viele Jahre haben wir bei der ComConsult Research das Mantra vertreten, dass dem SIP Protokoll die Zukunft gehört. In letzter Zeit muss man jedoch feststellen, dass es gerade im Enterprise Umfeld einige Entwicklungen gibt, die gegen diese Sichtweise sprechen.

Dies bedeutet aber nicht, dass ganz allgemein der Blick auf SIP geändert werden muss. Ganz im Gegenteil, SIP wird sich in der Zukunft als das Signalisierungsprotokoll für allgemeine Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden vollends durchsetzen, jedoch anscheinend nicht im Large Enterprise Umfeld.

Beide Einschätzungen bedürfen natürlich einer genaueren Betrachtung, daher möchte ich zunächst den Blick auf das Kontra bezüglich SIP lenken.
Die Einschätzung, dass es im Large Enterprise Markt nicht zu einem endgültigen Durchbruch für SIP kommen wird, beruht auf verschiedenen Faktoren.
Zum einen wurde und wird das Protokoll von seinen Entwicklern als Multimedia Signalisierung betrachtet. Spezielle Leistungsmerkmale, die heute unsere Telefonanlagen auszeichnen, liegen dabei nicht im Focus. Es gibt zwar einige RFC, wie den RFC 4485 („Guidelines for Authors of Extensions to the Session Initiation Protocol“), die es den Entwicklern von Kommunikationslösungen ermöglichen sollen Standard konforme Erweiterungen zu programmieren, aber Stand heute gibt es nur eine Referenz Definition mit SIPPING-19 (RFC 5359), die eine Implementierung Hersteller übergreifender Leistungsmerkmale ermöglicht.
Dieses Defizit lässt sich erklären. Da das Protokoll schwerpunktmäßig von Lösungsanbietern in Übersee entwickelt wurde, hat man die dort üblichen Maßstäbe an eine Telefonanlage angelegt und die sieht dort weit weniger Leistungsmerkmale vor als wir das im deutschen Markt gewohnt sind.
Da man jedoch in unseren Breitengraden keine TK-Lösungen in den Markt bringen kann, die nicht ein Mindestmaß an Funktionen bereitstellen, müssen die Entwickler ihre spezifischen Lösungen für das SIP Protokoll nachbauen, entweder in dem sie ihre bisherige proprietäre Signalisierung in SIP einpacken (tunneln) oder aber indem sie Erweiterungen programmieren, die nur innerhalb der Herstellerlösung verstanden werden, um sich von den Mitbewerbern abzusetzen und abzuschotten.

Wie man sieht, sind die Hersteller im Large Enterprise Markt gar nicht darin interessiert eine übergreifende Kompatibilität zu erzielen, und auch der Kunde strebt im Allgemeinen nach einer Single Vendor Lösung allein schon im Hinblick auf die Serviceverträge zum Betrieb der Anlage.
Wenn dem aber so ist, warum dann der Aufwand die bisherige VoIP Signalisierung in Richtung SIP zu entwickeln? Und genau diese Frage haben sich wohl im Laufe der Zeit einige Hersteller gestellt und stellen daher konsequenterweise die Entwicklung von SIP Erweiterungen hinten an oder geben sie komplett auf. Gerade im Hinblick auf die Konsolidierung im Enterprise-Segment müssen alle Markteilnehmer ihre Kosten reduzieren und ihre Produkte effizient und fokussiert weiterentwickeln.

Diese Vorgehensweise kann man aktuell sowohl bei Mitel aber auch bei Alcatel Lucent Enterprise beobachten, die beide ihren Entwicklungsfokus auf das eigene, proprietäre Protokoll gelegt haben und SIP nur noch am Rande verfolgen.

Das soll aber nicht bedeuten, dass die beiden genannten Unternehmen SIP als Protokoll aufgegeben haben, nein, ganz und gar nicht. Nur sie verlagern die Nutzung von SIP in Richtung der Anbindung an das öffentliche Kommunikationsnetz, Stichwort SIP-Trunk. Da aber hier viel weniger Leistungsmerkmale zur Debatte stehen, ist hier ein klarer Fokus gegeben, in welche Richtung SIP weiterentwickelt werden muss.
Die Konzentration auf ein Protokoll scheint sogar unter den genannten Rahmenparametern (Abgrenzung vom Wettbewerb) sinnvoll. Die aktuelle Situation verdeutlich doch bei allen Markteilnehmern, dass eine Feature-Parität zwischen der eingesetzten, selbstentwickelten VoIP-Signalisierung und dem ebenfalls verfügbaren SIP bis heute nicht hergestellt werden konnte. Stattdessen werden zwei Entwicklungslinien vorangetrieben ohne erkennbaren Mehrwert für den Kunden, der dies aber am Ende mit einem höheren Kaufpreis finanzieren muss.

Und auch an einer zweiten Front gerät das SIP Protokoll stark unter Druck, im UC-Umfeld.

Bisher die Paradedisziplin für SIP und klarer Schwerpunkt der Entwickler, betritt mit WebRTC ein Konkurrent den Markt, der bereit ist auf den Einsatz von SIP zu verzichten. Da es sich bei WebRTC um ein HTML5 basiertes Framework handelt, welches auf Javascript beruht, stellen sich hier gleich mehrere Verfahren zur Verfügung, um die Signalisierung von Multimedia-Anwendungen zu übernehmen.

Die beliebteste Variante ist Stand heute XHR (XMLHttpRequest), da sie direkt aus dem Baukasten der Webentwicklung stammt. Aber auch mittels WebSockets oder dem WebRTC Data Channel lassen sich Signalisierungsdaten zum Aufbau einer Kommunikationsbeziehung realisieren, ganz ohne SIP.
Bleibt also die Frage: Wozu benötige ich überhaupt noch SIP?

Die Antwort hierauf erhält man bei einem Blick auf die Zukunft des Providermarktes. Mit der Ablösung von ISDN als Vermittlungstechnik außerhalb des eigenen Unternehmens musste ein neuer Standard gefunden werden. Aufgrund der Situation bei den proprietären Lösungen wurde allen sehr schnell klar, dass die Lösung unmöglich hier liegen konnte. Hier schlug daher die Stunde von SIP.

Es ist neben H.323 das einzige Protokoll, welches ausreichend standardisiert ist um den Anforderungen der Netzbetreiber gerecht zu werden. Der Vorteil gegenüber H.323 liegt dabei an den schon oft beschriebenen Möglichkeiten, die über die reinen Telefondienste hinausgehen:

  • Videotelefonie und -Konferenzen
  • IM und Chat
  • Kollaboration
  • Präsenzdienste

Die Provider haben sich daher bewusst für das SIP Protokoll entschieden um zukünftig, neben reinen Sprachangeboten, auch weitere Dienstleistungen zu vertreiben.

Zudem geht mit der Ablösung der ISDN Technik auch eine Umstellung des Consumer-Marktes einher. Da dieser Markt aber mit sehr viel weniger Leistungsmerkmalen auskommt, bietet sich das SIP Protokoll als zukunftssichere Lösung geradezu an.

Daher das Fazit: SIP bleibt weiterhin ein wichtiger Baustein der Kommunikation, aber es ist damit zu rechnen, dass sich der Schwerpunkt der Einsatzszenarien verschieben wird.

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