Video Conference as a Service: Video kommt, aber ohne die traditionellen Anbieter

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ComConsult Research hat speziell den Video-Conference-as-a-Service-Markt unter den Aspekten der Auswirkung auf den bestehenden Videomarkt und die Nutzbarkeit der Dienste für Kunden untersucht. Dieses Thema wird zentraler Bestandteil der Keynote sein. An dieser Stelle geben wir eine Einführung und eine Übersicht über die vielleicht wichtigste Entwicklung auf dem Markt für Videokonferenz-Lösungen der letzten 10 Jahre.

Gleich zu Beginn unsere (ComConsult Research) zentrale Thesen, die wir nachfolgend erklären und auf dem ComConsult UC-, Video- und Kommunikationsforum 2014 mit den Teilnehmern diskutieren:

  1. VCaaS wird innerhalb der nächsten zwei Jahre für alle Unternehmen wichtig und ein unverzichtbarer Teil des Kommunikations-Portfolios. Die meisten Unternehmen werden diese Dienste in irgendeiner Form nutzen
  2. Skype und ähnliche Dienste werden durch diese Entwicklung im professionellen Bereich an Bedeutung verlieren, es fehlen wesentliche Funktionselemente und die Qualität ist nicht ausreichend
  3. VCaaS-Lösungen sind keine Konkurrenz zu Raumkonferenz-Systemen (es gibt Ausnahmen), sie ergänzen diese
  4. VCaaS ist eine Konkurrenz zu traditionellen Videokonferenz-Produkten auf Desktop-, Laptop- und mobilen Endgeräten. Und VCaaS wird diesen Wettbewerb gewinnen. In diesem Sinne wird VCaaS einen erhbelichen Einfluss auf alle UC-Projekte haben.
  5. Die Video-Kommunikation zu anderen Unternehmen und Kunden wird in Zukunft über VCaaS laufen
  6. Die Integration in SaaS-Produkte wie Salesforce, SugarCRM, Oracle etc. wird mittels REST APIs über VCaaS laufen
  7. Vereinfacht formuliert wird VCaaS das PSTN für Video-Kommunikation sein
  8. Die traditionellen Anbieter wie Avaya, Cisco, LifeSize und Polycom werden mit ihren bisherigen Ansätzen diesen Wettbewerb verlieren, weil sie ihre Lösungen zu sehr auf ihre eigene Produktwelt zuschneiden und den Bedarf der Kunden dabei teilweise ignorieren. Zum Teil stehen auch bestehende Vertriebswege und Partner-Situationen einem wirklichen Cloud-Angebot mit elastischen Self-Service-Portalen im Weg.

Die mit Video pro Monat genutzten Minuten bei den Video-Conference-as-a-Service-Providern explodieren. Mittlerweile kann jeder bei Bedarf einen hochwertigen Videokonferenz-Dienst auch spontan aufsetzen und benutzen. Der Einstieg ist häufig frei und viele der Anbieter haben auch ein Lockvogel-Angebot ohne Gebühr mit eingeschränkter Funktionalität (aber durchaus guter Video-Qualität). Gleichzeitig ist ein intensiver Wettbewerb nicht nur zu den etablierten Platzhirschen hin, sondern auch zwischen den neuen Anbietern entstanden. Für die interessierten Unternehmen und Behörden ist jetzt ein Preis-/Leistungsverhältnis entstanden, das mit einer eigenen Installation nicht mehr ohne weiteres erreicht werden kann. Dabei ist das Leistungsangebot durchaus als individuell anzusehen, so dass für den interessierten Kunden eine ganze Reihe von Optionen existieren:

  1. Nutzung des VCaaS als Integrationsplattform für B2B und B2C mit voller Integration aller gängigen Raumkonferenz-Systeme (Basis H.264/SIP, ggf. H.323)
  2. Optimierung für mobile Endgeräte mit niedrigen Bandbreiten bis hinunter zu GSM
  3. Optimierung der Privatheit durch Verzicht auf einen Datenstrom durch Server und durch eine hochwertige Verschlüsselung inklusive der Zertifizierung für kritische Anwendungen (ja, auch die Seals nutzen dies)
  4. Optimierung auf Konferenzen mit bis zu 1000 Teilnehmern

Die Liste ließe sich sicher beliebig verlängern. Bei Preisen, die zwischen 10 und 50 USD pro Benutzer und Monat angesiedelt sind (für den Host-Benutzer, der eine Konferenz startet mit Teilnehmerzahlen von in der Regel bis zu 25 Teilnehmern, mehr Teilnehmer sind in der Regel möglich, erfordern aber höhere Lizenzstufen), lohnt sich der Aufbau einer eigenen Infrastruktur kaum noch. Und: die Grenze zum Kunden ist damit gesprengt. Die meisten der Dienste lassen sich per Call-Button in die eigenen Webseiten integrieren oder haben eine Integration in populäre SaaS-Dienste. (siehe Bild 1)

Eine wichtige Anmerkung zur inhaltlichen Abgrenzung: aus der Sicht von ComConsult Research muss ein Cloud-Service eine Reihe von Eigenschaften haben, um als Cloud-Service zu gelten. Damit wird auch eine Abgrenzung zum Hosted Service erreicht. Zu diesen Eigenschaften zählen:

  • Self Service Portal zum dynamischen Hinzufügen und Entfernen von Lizenzen
  • Ausweis der Preisstruktur und direkte Umsetzung des Kaufs auf dem Portal
  • Preise in Nutzer oder Host pro Monat
  • Angebot eines direkten Service durch den Portal-Betreiber
  • Mandanten-Architektur, keine Umsetzung als virtuelle Instanz nur für einen Kunden

Mit dieser Definition fallen Anbieter wie Acano oder Arkadin aus der Betrachtung, auch wenn sie eindeutige Cloud-Dienste wie Vidyo oder Lync Online anbieten. Speziell im Fall von Acano ist das bedauerlich, da die Umsetzung der virtuellen Besprechungsräume mittels sogenannter CoSpaces eine Reihe von interessanten Eigenschaften wie die gleichzeitige Nutzung von Sprache und Video auf unterschiedlichen Geräten aufweist (so dass zum Beispiel in einer öffentlichen Umgebung die Sprache auf einem iPhone und der Videopart auf einen iPad genutzt werden kann).

Bei der Auswahl eines konkreten Dienstes wird in der Regel der Standort der genutzten Cloud-Rechenzentren eine Rolle spielen, da sich zumindest momentan die Anbieter auf wenige Standorte konzentrieren. Alle Anbieter mit Ausnahme von VSee führen die Videokommunikation durch virtuelle Software MCUs. Damit wird die Lokation der Server entscheidend für die Frage der Laufzeit, die ein wesentliches Qualitätskriterium ausmacht. Die meisten VCaaS Anbieter sind in den USA gestartet und sind dabei die Infrastruktur für Europa aufzubauen. Dieser Prozess ist schwierig zu bewerten. In der Aufbauphase kann es zu Qualitäts-Unterschieden zu den Servern in den USA oder Asien kommen. Unsere Tests basierten auf den internationalen Servern, da wir zwischen unseren Standorten in Neuseeland und Aachen getestet haben. Wir konnten in den Tests allerdings keine Abhängigkeit zwischen Standort, Laufzeitverlust und Faktoren wie Lippen-Synchronität ausmachen. Gerade die Lippen-Synchronität schien mehr eine Frage der Qualität des Produkts an sich zu sein.

Bevor wir zu einer weitergehenden Analyse und Bewertung kommen, steht zu Beginn natürlich die Frage wo Videokonferenztechnik bisher steht und welche Vor- und Nachteile existierende On-Site-Lösungen haben:

  • Die bisher angebotenen Lösungen sind trotz der hohen Qualität, die sie bieten, nur begrenzt erfolgreich. Schätzungen gehen davon aus, dass nur 5 bis 7 % der Konferenzräume eine installierte Videokonferenz-Einrichtung haben
  • Die Kommunikation zwischen Unternehmen und hin zu Kunden ist – wenn sie denn überhaupt umgesetzt werden kann – häufig so störungsanfällig und aufwendig in der Vorbereitung, dass es häufig einfach unterlassen wird. Wer kennt nicht die üblichen ersten 5 bis 10 Minuten einer Konferenz, in denen irgendetwas nicht funktioniert und man händeringend nach der Lösung sucht
  • Die Reduzierung der Videokonferenz auf Konferenzräume mit der Notwendigkeit, den Raum zu buchen, dorthin zu gehen, einzuladen usw. generiert eine ernsthafte Hürde für die Nutzung der Technologie
  • Die bisherigen Lizenzmodelle sind insbesondere bei der Einbindung vieler mobiler Teilnehmer zu kostenintensiv und zu kompliziert in der Handhabung
  • Die gekaufte Hardware veraltert schneller als man gucken kann. Wer in den letzten 18 Monaten gekauft hat, der muss sich bereits jetzt der Frage stellen, ob sein neues System denn auch H.265 unterstützen wird
  • Die Kunden werden durch eine chaotische Technologiesituation verunsichert. Kaum hat sich ein neuer Standard etabliert, kommt die nächste Welle. Und häufig sind gerade die teuren Raumkonferenzsysteme nicht nachrüstbar. So stehen bei jeder möglichen Investition viele Fragezeichen im Raum. Dazu gehören Investitionssicherheit, die Verfügbarkeit des jeweilig besten Dienstes/Codecs für die jeweilige Kommunikation und die Interoperabilität zum Kommunikationspartner. Das Ergebnis lautet dann nicht selten “besser abwarten bis sich der Staub gelegt hat”. Schlagworte wie SVC, H.265, WebRTC, VP9 sind typisch für diese Situation
  • Die bisherigen Lösungen sind träge in der Weiterentwicklung für den Kunden. WebRTC ist für die meisten Unternehmen ein extrem wichtiger Standard. Er schließt die Lücke zum Endverbraucher und liefert eine Basis für den Vertrieb und den Service zur Intensivierung der Kundenbindung. Aber das erfordert eine Lösung, bei der der Kunde nicht erst eine Applikation oder eine Browser-Extension installieren muss. WebRTC ist für alle solche Anwendungen einfach ein Glücksfall für die Branche. Die Unterstützung durch die Platzhirsche ist einfach zu langsam, zu hoch ist die Angst hier Lizenzgebühren zu verlieren. Hinzu kommt die fehlende Unterstützung für neue Codecs wie OPUS durch die etablierten Systeme, so dass eine Transkodierung häufig die Regel ist
  • Im Unternehmen betriebene Lösungen skalieren häufig nicht mit vielen parallelen Teilnehmern, wie sie durch mobile Clients entstehen können. Trotz extrem teurer MCU´s ist das Potenzial für größere Installationen einfach zu klein. Dies wird ergänzt um mögliche Engpässe im Internet-Zugang bei Gruppen-Kommunikationen mit vielen Teilnehmern und die fehlende Möglichkeit dynamisch mehr Kapazität zu bekommen
  • Der Übergang von der Video- hin zur Webkonferenz ist mittlerweile fließend. Konnte das in der Vergangenheit häufig noch sauber abgegrenzt werden, so liefern viele der Webkonferenzdienste heute eine Qualität, die auf Videokonferenzniveau liegt. Umgekehrt haben die Videokonferenzlösungen heute Sharing- und Präsentations-Funktionen, die früher den Webkonferenzen vorbehalten waren. Es gibt Ausnahmen im Bereich sehr spezialisierter Produkte wie Adobe Connect, aber diese sind nicht die Regel
  • Telepräsenz war sicher wichtig für die Branche, ist aber insgesamt ein Rohrkrepierer. Bezogen auf die Gesamtzahl der potenziellen Videominuten pro Monat ist Telepräsenz schlicht unwichtig. Es ist eine gute aber teure Lösung für die Geschäftsführung zur Vermeidung der Lear-Jet Nutzung, aber sie bringt die Unternehmen auf dem Weg zu einer Gesamtlösung nicht wirklich weiter. Es ist eine Nischenlösung, die insgesamt ein unverzichtbarer Baustein für die Führungsebene des Unternehmens ist, aber für die Gesamtlösung eben ein Nischenbereich
  • Alle professionellen Produkte kämpfen mit dem Trend zur Null. Sprich: immer mehr Angebote im Markt versprechen Videokonferenzen ohne Gebühr. Das ist nicht nur bei Skype oder Google Hangout so. Auch die Integration von Lync in Office 365 ist ein Thema für die Video-Kommunikation innerhalb der Unternehmen
  • Zum Teil behindern die bestehenden Lizenzmodelle eine sinnvolle B2B und B2C- Umsetzung. Tragfähig kann eine Lösung nur sein, wenn die B2B und B2C Teilnehmer keine Lizenz benötigen und kostenfrei teilnehmen können

Die Bedeutung von Microsoft für den UC- und Videokonferenzmarkt darf nicht unterschätzt werden. Durch die Integration in Office 365 wird Microsoft Lync-Dienste einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Im Enterprise-Markt wachsen die Microsoft Cloud-Dienste im Moment mit 125 % im letzten Quartal. Durch die eigene Integration mit Skype und die externe Integration mit Anbietern wie Zoom oder Blue Jeans entsteht ein gewaltiges Potenzial auch für den Kunden.

Parallel dazu ist in den letzten Jahren in der Cloud ein neuer Software-Markt für hochqualifizierte Unternehmens-Anwendungen entstanden. Nach dem Erfolg von Salesforce und Anbietern wie Jive ist auch Oracle mit einer ganzen Reihe spezialisierter Anwendungen von der Personal-Verwaltung (HR) bis ERP eingestiegen. Dies hat seine Auswirkungen auch auf den Kommunikationsmarkt. Speziell im Bereich HR und CRM nimmt die Bedeutung von Video sprunghaft zu. Und gerade hier sind Lösungen gefragt, die einfach handhabbar sind und ohne Aufwand zum Gesprächspartner gebracht werden können. Dementsprechend gewinnt die Fähigkeit mit Salesforce und Co zu integrieren immer mehr an Bedeutung.

Cloud-Services haben in der zuvor beschriebenen Situation von Video erhebliche Vorteile:

  • Sie binden die Investition nicht an eine bestimmte Technologie. Gerade in der aktuellen Phase des Übergangs auf neue Technologien wie WebRTC und H.265 ist das entscheidend
  • Sie sind die natürliche Lösung für die fehlenden B2B und B2C Eigenschaften lokaler Installationen. Insbesondere die Integration der verschiedenen traditionellen Produkte wie Avaya, Cisco, Microsoft und Polycom in einen Cloud-Service mit gleichzeitiger Integration beliebiger mobiler und Desktop-Teilnehmer ist ein starkes Argument für einen Cloud-Service
  • Die meisten Cloud-Videodienste sind von vorne herein auf Integration ausgelegt und haben sowohl die technischen Mittel in Form von APIs als auch die Kooperationen, um mit den gängigen SaaS-Services integriert zu werden

ComConsult Research betrachtet die Nutzung von VCaaS für die nächsten Jahre als unvermeidbar. Aus heutiger Sicht wird es keine PSTN-ähnliche Infrastruktur für Video geben, obwohl ein hoher Bedarf dafür besteht (Tatsächlich gibt es eine Kooperation zwischen der Telekom und Blue Jeans Networks zur Vermarktung der Blue Jeans Produkte in Deutschland). Und realistisch gesehen haben die etablierten Hersteller diesen Bedarf entweder verschlafen oder aber über Jahre wissentlich nicht unterstützt. Das hat sich zwar in den letzten zwei Jahren insbesondere seit dem Einstieg von Polycom in den Cloud-Markt geändert, aber ein Produkt- und Standort-übergreifender Integrationsdienst wird vermutlich eher von nicht Technologie- und Produkt-gebundenen Anbietern kommen müssen (Anmerkung: diese Sichtweise wird von einigen Lesern und insbesondere einigen Herstellern nicht geteilt werden, wir haben diesen Artikel deshalb hier zur Diskussion veröffentlicht (siehe Bild 2)

Die traditionellen Hersteller haben das natürlich erkannt. Und endlich reagieren sie:

  • Cisco integriert seine WebEx-Schiene intensiver und liefert einen Massendienst, mit dem auch Externe eingebunden werden können. Gleichzeitig wurden neue Endgeräte mit der DX-Serie präsentiert, die darauf abzielen Video an viele Arbeitsplätze zu bringen.
  • Polycom und LifeSize haben ihre eigenen Cloud-Dienste vorgestellt.
  • Avaya hat eine Zusammenarbeit mit HP zum Aufbau eines Cloud-Services angekündigt.
  • Zur aktuellen Unify-Ankündigung werden wir uns getrennt äußern.

Aber wird das ausreichen oder kommt diese Reaktion der traditionellen Anbieter zu spät? Wer sind die Angreifer und was macht sie so interessant? Nachfolgend einige Beispiele (die nur einen kleinen Ausschnitt darstellen):

1. Blue Jeans Networks
Seit der Gründung in 2009 hat Blue Jeans einen steilen Aufstieg hinter sich. Für 2014 wird es geschätzte eine Milliarde Videominuten vermarkten. Dabei stehen zwei Prinzipien im Vordergrund: einfache Nutzung und Interoperabilität zu allen gängigen Plattformen. Einfach formuliert will Blue Jeans das PSTN für die lokal installierten Videokonferenz-Lösungen sein und gleichzeitig ein breites Feld von mobilen Teilnehmern und Kunden ohne bisherige Videokonferenz-Nutzung integrieren. Jeder Benutzer bekommt seinen “privaten” Meeting-Room für seine Video-Kommunikation. Dabei hat er Zugriff auf ein breites Portfolio von Integrationen, angefangen bei Microsoft Lync über Cisco und Polycom bis hin zu Konsumerdiensten wie Google. In diesem Sinne kann Blue Jeans Networks auch als Ergänzung bestehender Videokonferenz-Lösungen im Sinne einer öffentlichen Infrastruktur verstanden werden. Blue Jeans hat eine Partnerschaft mit Salesforce und bietet eine Chatter Integration, Kunden sind zum Beispiel Facebook und Foursquare. Das CIO Magazin positioniert Blue Jeans auf Platz 3 der Cloud Startups im Jahr 2013. In unseren Tests war die gelieferte Bildqualität deutlich schlechter als die von Zoom oder VSee. Dies kann aber mit der Lokation der genutzten Server zusammen hängen.

2. Zoom Video Communications
Zoom ist relativ neu auf dem Markt und bietet seine Leistungen erst seit Anfang 2013 an (gegründet von einem der Gründungs-Ingenieure von WebEx, Eric S. Yuan). Trotzdem hat der Dienst inzwischen einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht. Verschiedene Integrationen mit anderen Cloud-Anbietern wie Redbooth und eine entsprechende Vermarktung dieser APIs haben geholfen, den Dienst schnell einer großen Gruppe potenzieller Kunden zuzuführen. Zur Zeit hat Zoom über 10 Millionen Nutzer. Dabei bietet Zoom nicht nur Lösungen für mobile Teilnehmer und Desktops, durch eine Partnerschaft mit Logitech zum Beispiel wird ein mobiles Raumkonferenz-System angeboten, das bis zu drei Bildschirme unterstützt und auf einem MAC Mini mit einer Logitech cc3000e basiert (ZoomPresence genannt, 99 USD pro Jahr). Der Dienst hat eine Reputation für seine hohe Bildqualität. Allerdings ist der Dienst eine Black-Box ohne Angabe des genutzten Codecs, so dass im Störungsfall auch keinerlei Analyse möglich ist. Ein interessanter Beitrag zu den neuen Funktionen von Zoom 3.0 findet sich unter folgendem Link: http://letsdovideo.com/the-software-video-meeting-room-market-just-heated-up/. (siehe Bild 4)

3. VSee
VSee unterscheidet sich erheblich von den anderen Anbietern. Im Gegensatz zu Firmen wie Zoom, Vidyo oder Blue Jeans betreibt VSee keine Software-MCUs in der Cloud. Die Cloud-Server dienen nur zum Verbindungsaufbau, die Kommunikation findet direkt zwischen den Endteilnehmern statt (vergleichbar zu Skype). Aus dieser Architektur hat VSee eine Spezialisierung für sicherheitskritische Umgebungen, speziell den medizinischen Bereich in den USA entwickelt (HIPAA Compliant). Das Produkt entstand aus einer Forschungsarbeit an der Stanford Universität und bietet neben den Sicherheitsaspekten die Integration mobiler Teilnehmer mit sehr niedrigen Datenraten. Sind ausreichende Datenraten gegeben, werden gängige Codes wie VP8 eingesetzt. Bei ausreichender Bandbreite liefert VSee eine erstaunliche Qualität. Der Vorteil der Architektur liegt darin, dass keine unterschiedlich belasteten Server zwischen den Kommunikationspartnern sitzen, die in unvorhersehbarer Weise das Ergebnis beeinflussen können. Damit ist im Prinzip auch egal wo die Server stehen. Der Nachteil liegt darin, dass für jeden Teilnehmer einer Gruppen-Kommunikation eine eigene Verbindung aufgebaut wird. Als weiterer Nachteil könnte angesehen werden, dass ein spezieller Client installiert werden muss, aber das dürfte bei dem hier angesprochenen Markt akzeptabel sein. VSee ist damit nicht direkt ein B2B oder B2C-Produkt, sondern wird zwischen Teilnehmern eingesetzt werden, die sich auf diesen Dienst geeinigt haben. Zu den Kunden gehören die Navy Seals, IBM und Shell. Zu den Investoren gehört u.a. Salesforce. Das Board of Directors und Advisors weist diverse bekannte und einflussreiche Persönlichkeiten auf. Anmerkung zu den Tests: die Videoqualität von einem iPhone über GSM aus einem Auto war erstaunlich gut. Allerdings war die CPU-Last des iPhones 5s auf 100%. (siehe Bild 5)

4. Vidyo
Vidyo hat in der Branche den SVC-Dienst durchgesetzt, der heute bei fast allen Anbietern, vor allem auch bei Microsoft gängig ist. SVC hatte am Anfang mit erheblichen Widerständen zu kämpfen, nicht nur weil die Spezifikation Schwächen hatte und die interoperable Implementierung erschwerte, sondern vor allem, weil SVC den Markt der MCUs gefährdet. Im Endeffekt ersetzt SVC eine MCU durch eine Art Router, das sonst übliche Umkodieren bei der Vermittlung zwischen zwei unterschiedlichen Sendern und Empfängern kann unterbleiben und wird durch einen intelligenten Filterprozess für ein in Layern angeordnetes Videosignal ersetzt (das Maximalsignal hat alle Layer, bei mangelnder Bandbreite werden Layer weggelassen, aber im Prinzip bleibt es immer dasselbe Signal). Damit hat sich dieser Standard naturgemäß bei den traditionellen Anbietern nicht nur Freunde gemacht und es hat eine Weile gedauert, bis er dann im Markt erzwungen werden konnte. Der Vorteil von SVC liegt in der optimalen Ausnutzung der jeweils verfügbaren Bandbreite. Im Vergleich zur Konkurrenz ist die größte Schwäche das undurchsichtige Vertriebs- und Kostenmodell, das dem Unternehmen viele Kunden kosten dürfte. Einer der häufig genannten Referenzkunden von Vidyo ist Cern.

An dieser Stelle noch eine Anmerkung zu SVC und zur Skalierbarkeit in der Dimension eines PSTN-ähnlichen Dienstes. Sollte Video sich als Massentechnologie durchsetzen, dann entsteht automatisch die Frage der Skalierung von Millionen gleichzeitiger Teilnehmer in einer PSTN-ähnlichen Installation. Dafür gibt es momentan nur drei Lösungen:

  • Extreme Rechenleistung durch dynamisch skalierende parallele virtuelle Maschinen für die Transcodierung. Diese Lösung ist teuer und basiert auf den Leistungen eines Cloud-Rechenzentrums
  • Verzicht auf Transcodierung durch Nutzung von SVC
  • Einsatz einer Architektur, die nur Peer-to-Peer arbeitet

Peer-to-Peer-Lösungen wie VSee stellen eine Nische mit Vorteilen, aber auch klaren Nachteilen dar. Sie können nicht die Lösung für eine PSTN-ähnliche Infrastruktur sein. Da die Integration bestehender Videokonferenzlösungen in den Unternehmen auf der Basis H.264 immer eine Transcodierung erfordern wird, wird eine skalierbare Architektur der Zukunft vermutlich eine Mischung aus Cloud-Rechenleistung und SVC sein müssen. Dies generiert Vorteile für Anbieter, die selber über eine solche Infrastruktur verfügen oder sie gerade aufbauen. Zu nennen sind hier Cisco, Facebook, Google, Microsoft und Salesforce.

Die meisten der VCaaS-Produkte arbeiten mit “Meet-Me” Lösungen, bei denen ein virtueller Besprechungsraum umgesetzt wird, in den sich die Teilnehmer einwählen. Die Nutzung ist in der Regel einfach und intuitiv. Die einzigen Parameter, die zur Optimierung angeboten werden, sind in der Regel die Einstellungen für das lokale Audio und die Kamera. Meet-Me-Lösungen sind nicht für alle Anwendungsfälle perfekt, sie lassen eine Anwahl eines Teilnehmers im Sinne eines Telefonats nicht zu, aber dies wird kompensiert durch permanente Besprechungsräume. Es liegt nahe zu erwarten, dass gerade die permanenten Besprechungsräume um weitere Kollaborations-Eigenschaften und Integrationen mit Box, Dropbox, Google Drive usw. ergänzt werden werden.

Auf den Kunden kommt im Moment eine gewaltige Welle von Lösungen und Potenzialen zu. Im Endeffekt ist eine Videokonferenz heute auf nahezu jedem Gerät in hochwertiger Form umsetzbar. Die dominierenden Anforderungen der Kunden sind

  • Einfachkeit in der Nutzung
  • Stabilität im Betrieb (keine Aussetzer, keine Abbrüche)
  • Qualität von Audio und Video

Diese Anforderungen werden immer mehr erfüllt.

Eines der größten Akzeptanzprobleme besteht in der Nutzung von Video in Großraumbüros mit einem hohen Geräuschpegel und vielen akustischen Störungen. Dieses Problem lässt sich momentan nur durch sehr teure Mikrofone oder durch ein Headset lösen. Aber gerade in diesen Markt ist sehr viel Bewegung gekommen. Die bekannten Anbieter wie Jabra, Plantonics und Sennheiser überschlagen sich mit Neuankündigungen. Parallel dazu ist ein breiter Markt mit Webcams entstanden, die fast jeden Bedarf abdecken. Speziell Logitech hat sich hier an die Spitze des Marktes gesetzt. (siehe Bilder 6 und 7)

Die Konsequenz dieser Entwicklung: die Qualität auch scheinbar einfacher Videokonferenz-Lösungen mit Cloud-Diensten wird immer besser.

Videokonferenz-Lösungen werden also in immer größerer Vielfalt, für immer mehr Geräte, spezialisiert auf immer mehr Nutzungsformen und zu immer niedrigeren Preisen angeboten. Wie reagieren die traditionellen Hersteller darauf, haben sie eine Antwort?

Die größte Stärke und Schwäche der Angebote der traditionellen Anbieter ist naturgemäß, dass die angebotenen Lösungen als Ergänzung der bekannten Raumkonferenzsysteme positioniert werden. Das macht auf der einen Seite sicher Sinn, begrenzt aber den möglichen Erfolg im Markt. Ohne Frage kommt Cisco Systems dabei eine besondere Rolle zu. Cisco gehört zu den wenigen Anbietern, die zum einen eine konsequente Videostrategie verfolgen und ernsthaft daran arbeiten, Video an jeden UC-Arbeitsplatz zu bringen. In diesem Sinne der konsequenten Integration in Enterprise-UC hat Cisco vermutlich nur einen Konkurrenten, das ist Microsoft. Nur Cisco und Microsoft haben ein vollständiges Portfolio, das auch die Webkonferenz beinhaltet. Cisco ist dabei mit WebEx Marktführer und nutzt dies als strategisches Instrument für ein breiteres Angebot. Microsoft hat demgegenüber einen klaren Mangel an hochwertigen Raumkonferenz-Lösungen und arbeitet hier mit Partnern, speziell Avaya und Polycom zusammen.

Cisco hat vor einigen Wochen eine neue Endgeräte-Serie vorgestellt, die Aufmerksamkeit verdient. Die DX-Serie vereinigt die gängigen UC- und Video-Dienste mit einem Touch-Endgerät, das zugleich als Bildschirm für den Desktop-PC dienen kann. Das Ziel ist die hochwertige Umsetzung eines Video-Clients auch für akustisch ungünstige Umgebungen. Der Preis mag auf den ersten Blick hoch erscheinen, aber speziell die eingesetzte Mikrofontechnik, die die Nutzung auch ohne Headset erlaubt (dabei aber nicht die Geräuschunterdrückung des Headsets erreichen kann), kann momentan nicht ohne Investitionen in mindestens ähnlicher Höhe abgebildet werden (die Mikrofontechnik am Arbeitsplatz bleibt ein Problem im Markt, es fehlen einfach Lösungen mit hochwertigen Richtmikrofonen mit supercardioid Charakteristik, die kaufbaren Mikrofone dieser Art sind zwar nicht sehr teuer, brauchen aber ein Audio-Interface, da sie in der Regel mit XLR-Schnittstelle kommen). Und das Cisco-Gerät liefert im Preis enthalten auch die komplette Client-Software inklusive der Integration mobiler Teilnehmer. Im Gegensatz zu anderen Anbietern geht es Cisco dabei nicht darum, mit einem Gerät jeden Bedarf abzudecken. Cisco hat die Strategie mit einem Baukasten aus Video-Lösungen eine hohe Bandbreite von Anforderungen abzudecken. Die Frage, die aber weiterhin im Raum steht, ist, ob die bisherigen Aktivitäten im B2B und B2C Bereich ausreichen, um Konkurrenten wie Zoom und vor allem auch Blue Jeans Networks Paroli zu bieten (siehe Bild 8). Avaya hat die Notwendigkeit des VCaaS-Marktes erkannt und reagiert. Allerdings ist der neue Dienst unter dem Avaya-Live noch nicht in Europa verfügbar.

Fazit
Der Markt für Videokonferenz-Lösungen formiert sich ohne Frage neu. Und die Zahl der genutzten Minuten pro Monat nimmt immer mehr zu, auch ein Indiz dafür, dass Video so langsam seinen Weg an die Arbeitsplätze findet. Die Qualität und die Einfachheit der Nutzung machen dabei speziell die neuen Cloud-Dienste populär.

Allerdings sind wir nicht am Ende dieser Entwicklung angekommen. Neue Technologien wie WebRTC werden eine erhebliche Auswirkung auf den Markt haben. Sie werden B2B und vor allem B2C beflügeln. WebRTC hat seine Tücken, zum Beispiel die unvollständige Unterstützung durch die aktuellen Browser und die unvollständige Unterstützung etablierter Codecs. Trotzdem ist die technische Basis als sehr gut anzusehen. Die Codecs liefern eine ausgezeichnete Qualität quer über alle Bandbreiten-Nutzungsbereiche.

Wer jetzt aber das Ende der traditionellen Anbieter herbei redet, der sollte sich nicht zu früh freuen. Zum einen sind Cloud-Dienste eine Wette auf die Zukunft mit unsicherem Ausgang. Die notwendigen Investitionen sind sehr hoch und die Wirtschaftlichkeit in der Regel mit Fragezeichen versehen. Selbst Anbieter wie Amazon machen nach wie vor gigantische Verluste. Dies dürfte neben dem erforderlichen Wechsel im Vertriebsmodell (Direktvertrieb statt Partnervertrieb) auch der Grund sein, warum keiner der etablierten Anbieter bisher auf diesen Zug gesprungen ist. Die notwendigen Investitionskosten für den Start sind extrem hoch. Microsoft beziffert seine Investitionen in die Cloud mit 4 bis 5 Milliarden USD pro Jahr. Trotzdem haben die bekannten Anbieter wie Avaya, Cisco, LifeSize und Polycom natürlich das Potenzial für Abwehrmaßnahmen. Auch Übernahmen sind dabei nicht ausgeschlossen.

Aller Voraussicht nach wird sich der Markt bis 2017 neu positionieren und finden. Er wird deutlich anders aussehen als heute. Für den Kunden ergeben sich aber bereits heute Möglichkeiten, die es bisher nicht gegeben hat. Und das Preis-Leistungs-Verhältnis der angebotenen Lösungen ist sehr gut und wird immer besser werden. Bisher sind vergleichbare Preise im Cloud-Markt in den ersten fünf Jahren nach Einführung um bis zu 80% gesunken (siehe CRM-Markt oder das Angebot von Email-Providern). Ob das auch bei den VCaaS-Diensten so sein wird, bleibt abzuwarten. Aber am Trend nach unten wird für die Preise kein Weg vorbei führen.

Was hat uns am besten gefallen? Wenn ich meine persönliche Wahl treffen dürfte, dann wären das VSee und Zoom. Die Idee eines sicheren Videokonferenz-Dienstes deckt sich mit dem Bedarf und die Umsetzung bei VSee ist gut gelungen. Zoom hingegen überzeugt durch seine vielen Varianten kombiniert mit der Bildqualität. Unter Berücksichtigung der gebotenen Leistungen ist der Dienst sehr preiswert.

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2 Kommentare zu "Video Conference as a Service: Video kommt, aber ohne die traditionellen Anbieter":

  1. Ralf Köster schreibt:

    „[…] die Mikrofontechnik am Arbeitsplatz bleibt ein Problem im Markt, es fehlen einfach Lösungen mit hochwertigen Richtmikrofonen mit supercardioid Charakteristik, die kaufbaren Mikrofone dieser Art sind zwar nicht sehr teuer, brauchen aber ein Audio-Interface, da sie in der Regel mit XLR-Schnittstelle kommen.[…]“

    Vielen Dank für den akzentuierten Artikel!. Zu dem Problem der fehlenden Audio-Lösungen erlaube ich mir eine Ergänzung:

    Ein noch so sehr „physikalisch“ gerichtetes Mikrofon kann die Trennung von Nutzsignal zu Umgebungsgeräusch in einem (Grossraum-)Büro niemals erreichen. Ein Richtmikrofon arbeitet idealerweise unidirectional – in Räumen mit diffusem Störschall kommen aber auch Störungen aus Richtung des Nutzschalls (Reflektionen von Decken und Wänden). Ganz abgesehen davon haben gerade super-cardioide Mikrofone auch eine nicht zu vernachlässigende sekundäre Empfindlichkeit nach hinten (180 Grad), wo oft der Lüfter des PCs oder eine nahe reflektierende Wand als Störquelle auftauchen. Zudem kann es bei starker Fokussierung notwendig sein, das Richt-Mikrofon mechanisch nachzuführen, was für die besprochenen Konferenzlösungen sicher undenkbar wäre.

    Die Lösung können daher nur zwei- oder besser dreidimensionale Mikrofon-Arrays sein, die mit nachgeschalteter Elektronik das Nutzsignal im Raum orten und herausfiltern. Ich vermute, dass wird auch schon (rudimentär) bei modernen Noise-Cancelling-Verfahren eingesetzt. Auch die Hardwarekosten dürften bei entsprechender Massenproduktion relativ gering ausfallen.

  2. Helmut Fahr schreibt:

    Arbeitsplatz Freisprecheinrichtungen sind Mikrofone mit integriertem Lautsprecher inkl. Noise Reduktion, Echo Canceller, z.B. Speakerphone, Yamaha ProjectPhone und andere Systeme seit langem auf dem Markt im Einsatz haben sich bei allen Videokonferenz Anwenderung in der Industrie in der täglichen Anwendung bewährt. Alternativ lassen sich auch USB Headsets z.B. von Plantronics mit DSP Prozessor einsetzen.

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