Was zum Teufel ist Cloud Computing?

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Die obige Frage stammt nicht vom Autor dieser Zeilen, sondern wurde im September 2008 vom Oracle-Chef Larry Ellison in einem Interview gestellt. In diesem Interview meinte Ellison, die Computerindustrie sei die einzige, die noch mehr modegetrieben sei als die Frauenmode. Ellison fügte hinzu: „Orange ist das neue Rosa, Cloud ist der neue SaaS… Ich habe keine Ahnung, worüber jeder spricht… Das ist verrückt… Was zum Teufel ist Cloud Computing?… Wir werden Ankündigungen zu Cloud Computing machen, denn, wissen Sie, wenn Orange das neue Rosa ist, dann machen wir orange Blusen… Vielleicht machen wir eine Werbung. Uuh, ich verstehe nicht, was wir im Lichte von Cloud Computing anders machen würden, außer Marketing. Wissen Sie, wir ändern die Wortwahl einiger unserer Werbungen.“

Ende Mai wurde eine wichtige Ankündigung von Ellison für den 6. Juni 2012 in Aussicht gestellt. Am 06. Juni 2012 hat Ellison die Oracle-Antwort auf seine oben zitierte Frage von 2008 gegeben, und diese Antwort ist mehr als nur die Änderung der Wortwahl in Anzeigen. Am 06. Juni sagte Ellison, Oracle habe die Leistung tausender Mitarbeiter und sechs Jahre Anstrengung in die Entwicklung dessen investiert, was nun als das Cloud-Portfolio von Oracle vorgestellt wurde. Das Portfolio umfasst vor allem:

  • Platform Services: Darunter werden Datenbanken, Javadienste, Entwicklungsplattformen, Webdienste, Dienste für die Entwicklung von HTML5-Applikationen für Smartphones und Tablets, Dokumentensharing, sogenannte Site Services (was immer das auch sein mag) und Analysedienste zusammengefasst.
  • Application Services: ERP (Enterprise Resource Management), HCM (Human Capital Management), Personalentwicklungsanwendungen für Rekrutierung, Sourcing, Ausbildung etc., Vertriebs- und Marketinganwendungen sowie Applikationen für Kundenkontakte (Contact Center, Web Self Service usw.)
  • Social Services: eine Art „Facebook for Enterprise“

Alle diese Dienste werden gegen Entrichtung von Subscription Fees nutzbar sein. Diese Services sollen den Nachteil der Fragmentierung von Geschäftsprozessen durch die Nutzung getrennter, Silo-basierender Cloud-Dienste vermeiden helfen.

Was fällt auf? Die Variante „Infrastructure as a Service“ (IaaS), nach der Definition des amerikanischen National Institute of Standards and Technology (NIST) die Cloud-Ausführung, bei der der Kunde in der Cloud Verarbeitungs-, Speicher- und Netzressourcen, also Basisinfrastrukturen nutzen kann, und bei der der Kunde Herr über Betriebssysteme und alles Weitere bleibt, die nicht Hardware-nah sind, fehlen im Oracle-Portfolio. Auch wenn dies nicht ganz mit Ellisons Behauptung in Einklang zu bringen ist, Oracles Cloud-Portfolio sei das vollständigste im Markt, ist die IaaS-Abstinenz von Oracle alles andere als inkonsequent. Man beachte, dank welchen Geschäften Oracle zu einem 135 Milliarden Dollar schweren Unternehmen geworden ist, das jährlich fast 40 Milliarden Dollar umsetzt und davon 30 % Gewinn macht: Was Cisco in der Netzinfrastruktur, ist Oracle bei Datenbanken, dem Herzstück der unternehmenskritischen Applikationen. Genauso wie sich Cisco in den letzten Jahren ausgehend von der eigenen Dominanz im Netz erfolgreiche oder auch weniger erfolgreiche andere Geschäftsgebiete in Bereichen wie Voice, Security und Server erschlossen hat, nutzte Oracle die Marktführerschaft bei Datenbanken, um Komplettanbieter für Unternehmensapplikationen und damit zu einem SAP-Konkurrenten zu werden.

Aber ich vermute, dass der Verkauf von Lizenzen und Service für Datenbanken immer noch die Cash Cow ist, mit der Oracle weiter hauptsächlich die eigenen Barreserven von 30 Milliarden Dollar anhäuft und auch das notwendige Kleingeld bzw. wertvolle eigene Aktien aufbringt, um zum Beispiel im Februar 2012 fast zwei Milliarden für die Akquisition von Taleo, einem Hersteller von Software im Bereich Personalentwicklung auszugeben. Warum soll Oracle IaaS anbieten, damit die Kunden auf von Oracle gemieteter Infrastruktur Datenbanken betreiben, die nicht von Oracle stammen? So lukrativ werden die Margen bei IaaS nicht sein.

Und genauso konsequent ist es, wenn Microsoft den eigenen Cloud-Dienst Azure bewusst Windows Azure nennt und versucht die Welt zu überzeugen, dass Windows die zu favorisierende Plattform für alle Applikationen war, ist und bleibt. Microsoft bietet zwar IaaS an, aber bitteschön mit Windows. Mich würde es wundern, wenn Azure zum Beispiel eine neutrale Virtualisierungsplattform wie VMware samt neutralem Speicherformat VMDK (Virtual Machine Disk Format) für alle auf x86 lauffähigen Betriebssysteme unterstützte; meines Wissens ist das nicht der Fall. Dem VMDK setzt Microsoft das eigene Format Virtual Hard Disks (VHD) entgegen, das auch für die Bewegung der Daten virtueller Maschinen in der Azure-Wolke verwendet wird. So ist eine Mischung einer Private Cloud auf VMware-Basis mit Azure eigentlich nicht möglich.

Genauso wie Oracle das eigene Kerngeschäft vom neuen Cloud-Portfolio nicht kannibalisieren lässt, ist also Azure so ausgerichtet, dass die Kunden weiterhin Windows nutzen, dem Betriebssystem also, dem Microsoft die Stellung als Software-Gigant verdankt.

Einige Unternehmen mögen sich vielleicht ganz auf Public Clouds verlassen. Die meisten mittleren bis großen Unternehmen jedoch werden darauf achten, dass die Mischung von Public und Private zur hybriden Cloud möglich bleibt, oder zumindest ein Insourcing der in die Cloud verlagerten Dienste nicht unmöglich gemacht wird. Es kommt also darauf an, dass Daten und Applikationen, die in die Cloud gehen, über standardisierte Formate und Schnittstellen rückholbar sind.

Was bekommt ein Oracle- oder Microsoft-Cloud-Kunde zurück, wenn er die Cloud-Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen will? Oder besser: mit welchen Formaten und Schnittstellen sind die Daten und Applikationen jederzeit für den Kunden verfügbar?

Insofern hatte der Oracle-Chef 2008 mit seiner Frage nicht ganz unrecht: Was zum Teufel ist Cloud Computing? Sofern die zu jedem Unternehmen passende Auswahl aus dem breiten Angebot im Markt nicht auf fundierten Analysen beruht, droht Cloud Computing zu dem zu werden, wofür es 2008 von Ellison gehalten wurde: eine durch das Dorf gejagte Marketingsau. Die Analyse für jedes Unternehmen kann nur individuell sein und muss die Frage beantworten, an welchen Stellen die Nutzung privater, exklusiver Ressourcen und Umgebungen dem Unternehmen am meisten wehtut, sei es finanziell oder hinsichtlich anderer Aspekte wie Flexibilität, schneller Anpassung an neue Anforderungen etc. Und an diese Frage schließen sich die nächsten an, zum Beispiel die Frage, ob die Verlagerung in eine Public Cloud die Schmerzen spürbar lindert und keine Nebenwirkungen verursacht, die schlimmer als die Schmerzen bei der Nutzung der privaten Ressourcen sind, zum Beispiel in der IT-Sicherheit. Und eine weitere wichtige Frage ist die oben schon aufgeworfene, ob nämlich das Versprechen der Cloud-Anbieter, dass ihre Dienste auf „Industriestandards“ basieren, substanzlos ist oder die Standardisierung im Sinne der jederzeitigen Rückholbarkeit aus der Cloud verstanden wird.

Auch die 2008er Frage von Ellison, was denn mit Cloud anders sei als ohne, ist technologisch berechtigt. Niemand wird für Cloud-Erfindungen einen Nobelpreis gewinnen. Technologisch bereichert Cloud die IT-Welt nicht. Aber die technologische Frage im Zusammenhang mit Cloud in den Mittelpunkt zu stellen war von Anfang an falsch. Bei Cloud geht es nicht in erster Linie um die Erfindung neuer Technologien, sondern um die Verlagerung der Kontrolle über diese. Aber das allein reicht, um die IT-Welt zu verändern. Denn mit der besten Technologie kann niemand etwas gewinnen, wenn er sie nicht verkaufen kann. Cloud verlagert die Kontrolle über die IT. Gut möglich, dass die dadurch verursachte Marktverschiebung so manche Opfer in der IT-Branche fordert.

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Ein Kommentar zu "Was zum Teufel ist Cloud Computing?":

  1. Dr.Kauffels schreibt:

    Wie, zum Teufel, kommt man überhaupt an die Cloud ?

    Der Artikel beschreibt die im Markt laufende Diskussion trefflich. Erforderlich ist eine Rückbesinnung auf fundamentale Tatsachen, die ich kurz mit dem Satz: „Was nicht performt, ist Mist“ charakterisieren möchte. Momentan ist die Situation doch eher wie bei „Germanys next TOP-Model“. Man sieht die schönen Frauen und überlegt sich, welche davon man am liebsten zuhause auf der Couch sitzen hätte. Nebenbei klärt man im Kopf Dinge wie das Klamottenbudget und die Haushaltshilfen, weil die zarten dekorativen Geschöpfe garantiert im Haushalt nichts auf die Reihe bringen. Aber selbst wenn das alles sorgfältig durchdacht wurde, bleibt die brennende Frage: wie komme ich überhaupt an diese Schönheiten ??? GAR NICHT ist die ernüchternde Antwort. Und so ist es aktuell auch mit der Cloud, welche Darreichungs-Form sie auch immer haben möge. Der Erfolg simpler Cloud-Dienste wie iCloud oder T-Cloud im Privatbereich ist definitiv nicht so einfach auf Unternehmen übertragbar. Und zwar aus dem völlig trivialen Grund, dass die Übertragungskapazitäten, die man für einen erfolgreichen Einsatz benötigen würde, überhaupt noch nicht da sind. Wir sprechen im RZ von der Einführung von 40 oder 100 GbE. Sobald man es verlässt, müssen sich die Daten über langsame und teure VPNs quälen. Hersteller wissen das. So hat heute Ciena das Bild vom „RZ ohne Wände“ entworfen, gleich aber dazu gesagt, dass Netze, die es erlauben würden, Cloud-Leistungen wirklich profitabel zu nutzen, erst gebaut werden müssen. Und wie wir wissen: das dauert ! Sehe ich mir aber die aktuelle Entwicklung bei Servern, Speichern und Netzen auf der Grundlage neuester Chip-Technik an, könnte es durchaus sein, dass Unternehmen zu völlig neuen RZ-Strukturen mit erheblich gesteigerter Leistung und Energie-Effizienz kommen, bevor hinreichend leistungsfähige Leitungen zu den Cloud-Services einigermaßen flächendeckend angeboten werden. Also: Augen auf bei der Brautschau !!!

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