Webkonferenz kontra Videokonferenz: Wer gewinnt das Rennen?

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Vor einigen Jahren war die Welt noch in Ordnung. Web- und Videokonferenz-Lösungen hatten klar abgegrenzte Funktionalitäten. Nun drängt die Videokonferenz in den Massenmarkt und auf die Desktop- und Laptop-Computer. Parallel werden Webkonferenz-Lösungen um VoIP und HD-Video ergänzt. Gleichzeitig sind Webkonferenz-Produkte immer am Browser als Client-System orientiert, auch wenn einige Hersteller den Browser um Plugins oder sogar Applikationen ergänzen. Fuze Meeting hat jetzt das erste Produkt mit reiner Browser-Funktionalität inklusive HD-Funktionalität auf den Markt gebracht (unter Ausnutzung des in der Regel vorhandenen Flash-Plugins). Zum selben Zeitpunkt verschlafen die Anbieter von Videokonferenz-Lösungen wichtige Marktentwicklungen. Wird in letzter Konsequenz die Webkonferenz die Videokonferenz als Massentool verdrängen?

Betrachtet man den funktionalen Fortschritt auf der Seite der Webkonferenzen in den letzten Jahren, dann sehen die Angebote für Videokonferenzen auf dem Desktop mittlerweile alt aus. Speziell Adobe Connect und Fuze Meeting zeigen was heutzutage möglich ist. Die Marktführer Citrix und WebEx hinken klar hinterher und hängen zu sehr an ihren etablierten Nutzungsvorstellungen.

In der Vergangenheit war die Lage klar. Eine Webkonferenz bestand aus einem Folienvortrag, der über den Browser in Kombination mit einem Plugin abgespielt wurde. Im Extremfall mussten die Folien zur Optimierung von Qualität und Bandbreite vorher auf einen Server geladen und konvertiert werden. Der begleitende Ton kam aus einem parallel genutzten Audiokonferenz-Produkt mit Einwahl über das normale Telefon. Der Vorteil dieser Lösung ist, dass sie beliebig skaliert. So haben Webkonferenzen u.a. den Ausbildungs- oder Marketingmarkt im Visier mit potenziell Tausenden von Teilnehmern.

Dabei liegen die Nachteile dieser sehr traditionellen Webkonferenzsicht auf der Hand:

  • die Nutzung ist zu komplex. Das fängt mit der Notwendigkeit zu einer Einladung an und endet bei einem wenig optimierten Benutzer-Interface
  • die Fähigkeit, die anderen Personen und insbesondere den aktiven Sprecher sehen zu können, ist wichtig. Sie trägt enorm zu einem mehr persönlichen Kontakt in der Konferenz bei
  • die Notwendigkeit der externen Audioeinwahl ist extrem störend. Sie passt natürlich nicht zur Integration des Videobildes und sie ist auch nicht mehr zeitgemäß

Einfach formuliert wollen wir eine triviale Bedienung, den optionalen Verzicht auf Einladungen, die Integration von Sprache und Video und ein optimiertes Bandbreiten-Management.

Naturgemäß liegt das Hauptproblem in der Umsetzung dieser Anforderungen in der Kombination aus Qualität und Bandbreite. Insbesondere mobile Mitarbeiter in einem Hotel oder einem Flughafen werden keine ausreichende Bandbreite für HD-Videovilder haben. Auch für die Webkonferenz sind bei hoher Qualität Bandbreiten zwischen 1 und 2 Megabit erforderlich. Aber zum einen ist es durchaus realistisch in solchen Situationen Qualitäts-Einbußen hinzunehmen und zum anderen befinden sich immer mehr Benutzer in Umgebungen, in denen es ausreichend Bandbreite gibt. Apple zeigt mit seiner Facetime-Applikation klar was heute möglich ist. Dagegen ist Skype trotz der irreführenden Werbung in Richtung HD weiterhin ein Tool 2. Klasse. Auch Fuze-Meeting macht klar, wo heute die technischen Möglichkeiten liegen.

Natürlich muss man sich der Frage stellen, ob umfangreiches Bandbreiten-Management in Kombination mit eventuell notwendigen Transkodierungen nicht die Infrastruktur überfordern. Tatsächlich ist auf Dauer zur Erreichung einer akzeptablen Skalierbarkeit eine MCU- und Transkodierungs-freie Lösung erforderlich. Tatsächlich gibt es den dafür notwendigen Standard in Form von SVC. Bei SVC werden die Videoinformationen in der Form von Layern übertragen. Je mehr Layer man empfangen kann, umso besser wird die Qualität. Bandbreiten-Management reduziert sich auf die Steuerung der Anzahl an Layern, die den einzelnen Teilnehmern zugewiesen werden. Alle wichtigen Hersteller haben sich klar zu SVC als Zukunft der Video-Kommunikation bekannt, nachdem Microsoft und Polycom Ende 2010 angekündigt haben, dass sie gemeinsam in diese Richtung gehen. Im Moment ist aber nur das Produkt von Vidyo auf dem Markt, das eine propritetäre Signalisierung einsetzt. Diese Vidyo-Lösung ist aber Bestandteil von Fuze Meeting, so dass man im Rahmen des 30 Tage Trials die Auswirkung von SVC testen kann. Auch für Adobe Connect existiert ein Vidyo-Pod-Plugin. SVC braucht aber für den Durchbruch die Kompatibilität zu existierenden Installationen. Das geht nur über die 100%ige Standard-Einhaltung. Vermutlich wird in 2012 der Übergang in die ersten Standard-konformen Lösungen erfolgen.

Warum verliert die traditionelle Videokonferenz an Boden? Zum jetzigen Zeitpunkt hat nur Lifesize eine nachvollziehbare Strategie zur Einbindung beliebiger Endgeräte inklusive iPad und iPhone. Erreicht wurde dies durch die Übernahme von Mirial. Tatsächlich könnte Lifesize mit dieser Lösung weiteren Boden gut machen. Allerdings muss der bisher sehr schlechte Service von Mirial verbessert werden, um eine Akzeptanz für Unternehmens-Anwendungen zu erreichen. Aber auch unabhängig von dieser Entwicklung ist die Massen-Videokonferenz in Gefahr. Dies liegt daran, dass das unterstützte Funktionsmodell seit Jahren statisch ist. Es geht um die Kombination einer Videoansicht von Konferenzteilnehmern und einem eingespielten Folienvortrag oder im Extremfall einem eingespielten Video. Dies wird in der Regel kombiniert mit einem unhandlichen Einladungs-Procedere und schwer handhabbaren Benutzerschnittstellen.

Nun entwickeln sich Webkonferenz-Lösungen aber klar in die funktionale Richtung der Videokonferenz. Sie werden nie den Anspruch erheben, eine Raumkonferenz- oder Telepresence-Lösung zu sein. Aber wir sprechen hier über den Massen-Videomarkt, den Hersteller wie Polycom und Tandberg (als es noch eine dynamische Firma war) seit Jahren adressieren. Also genau um die Integration einer Video-Kommunikation in normale Endgeräte. Möglich wird dies durch die verbesserte Hardware-Leistung der Endgeräte und die direkte Video-Untertstützung auf CPU oder GPU-Ebene. Andernfalls wären die hohen Leistunsganforderungen von H.264-Videos nicht zu erfüllen. Diese Situation wird sich 2012 mit den bereits bekannten Ankündigungen von CPU und GPU-Lösungen noch weiter verbessern. Hersteller wie Intel suchen geradezu händeringend nach Nutzungsmöglichkeiten für die vielen neuen Tranistoren, die den Bedarf normaler Office-Anwendungen schon lange hinter sich gelassen haben.

Aber die Webkonferenz-Lösungen decken eben nicht nur immer mehr den Funktionsumfang von Videokonferenz-Lösungen ab. Sie bieten deutlich mehr. Das fängt bei speziellen Tools für Schulungssituationen an (Polling, E-Learning-Erweiterungen) und endet bei Moderator- und Präsentator-Arbeitsplätzen mit extremen Layout-Steuerungsmöglichkeiten wie bei Adobe Connect. Webkonferenzen decken eben einen deutlich breiteren Markt mit vielen Spezialisierungen ab und reduzieren sich nicht auf das einfache Abspielen von Folien, auch wenn das für viele Anwender die Hauptanwendung ist.

Das Bild zeigt den Präsenter-Arbeitsplatz in Adobe Connect 8, sogenannte Pod-Bausteine ermöglichen den modularen Aufbau der Konferenz mit schnell wechselbaren Layout-Elementen und interaktiven Funktionen.
Link zu einem Übersichtsartikel.
Link zu einem Übersichtsvideo von Adobe.

Der Schlüssel zum Erfolg wird zukünftig im Client liegen. Hier ist der Übergang zum normalen Browser ohne den Bedarf für zusätzliche Plugins das Maß aller Dinge. Wer die Entwicklung im Browsermarkt verfolgt mit der Explosion von Programmiersprachen wie Javascript und Python, die längst den Umfang komplexer Entwicklungsumgebungen erreicht haben, und die kombiniert mit den Eigenschaften von HTML5, der versteht, wohin der Weg geht. Für interaktive Realzeitanwendungen fehlen momentan die notwendigen Standards. HTML5 deckt diesen Bereich nicht ab. Aber an den Standards wird gearbeitet, es ist eine reine Frage der Zeit bis sie verfügbar sind. Bis dahin müssen Plugins wie Flash oder Silverlight diese Lücke füllen. Nach Möglichkeit sollte auf Hersteller-spezifische Plugins, die einen Installations- und Pflegeprozess erfordern, verzichtet werden.

Eine Ausnahme beobachten wir im Moment bei iPhone und iPad. Die fehlende Unterstützung für Flash und Silverlight macht hier in jedem Fall eine App erforderlich, wie auch bei Fuze Meeting gut nachvollzogen werden kann. Dies wird auch bis zur Verabschiedung der notwendigen HTML5-Erweiterungen so bleiben.

Die Client-Entwicklung ist auch von entscheidender Bedeutung, wenn es um eine Kernfrage aller modernen UC- und Kollaborations-Lösungen geht: den möglichen Kontakt zum Kunden. Geld verdienen Unternehmen im Vertrieb und im Umgang mit Kunden, sei es im Pre- oder Post-Sales-Bereich. Hier versagen fast alle der heute angebotenen Kollaborations-Produkte durch den fehlenden Übergang zwischen SIP auf der Unternehmensseite und SIP auf der Kundenseite. Es fehlt die vermittelnde Infrastruktur im Sinne des weltweit existierenden Telefonnetzes. Der Applikationsfreie-Client, der für einen Kunden direkt durch Übermittlung eines Links auf der Website oder in einer Email nutzbar wird, ist von ganz entscheidender Bedeutung. Wir könnten endlich aufhören, den Vorteil von UC durch abstruse Sekunden-Vorteils-Rechnungen bezogen auf interne Kommunikationsvorgänge zu berechnen. Eine bessere Kommunikation mit dem Kunden bedeutet mehr Umsatz und mehr Gewinn. Hier spielt die Musik.

Was ist also unsere Empfehlung, unsere Einschätzung des Marktes?

Im Moment ist unsere Sichtweise klar. Der Übergang zur Massen-Videokonferenz sollte auf der Basis eines Webkonferenz-Produktes mit den geeigneten Eigenschaften erfolgen. Die Gründe sind klar:

  • mehr Flexibilität,
  • mehr Funktionsumfang,
  • der Browser als Client,
  • funktioniert über Unternehmensgrenzen hinweg, also auch in Richtung Kunde und Zulieferer,
  • direkte Integration in Pre- und Post-Sales-Prozesse möglich.

Wer also Video auf dem Desktop etablieren will, der sollte diesen Weg evaluieren. Mittlerweile existieren auch Schnittstellen zu bestehenden Videokonferenz-Installationen, wobei das aber aus unserer Sicht von untergeordneter Bedeutung ist. Wir wollen die Kommunikation einer Mehrheit von Mitarbeitern optimieren, der Bedarf einer Minderheit ist dem gegenüber nicht wirklich entscheidend (leider hat diese Minderheit die Hoheit über das Geld).

Welche Produkte empfehlen wir zur Evaluierung? Auch wenn sie bestehender Kunde von Fastviewer, WebEx oder Citrix sind, sollten sie sich Adobe Connnect und Fuze Meeting ansehen. Die Nutzung von SVC in Form des Vidyo-Dienstes zeigt hier klar auf wo die Zukunft liegt. Die funktionalen Unterschiede verdeutlichen auf jeden Fall, wohin der Weg geht, auch wenn sie bei ihren bestehenden Produkten bleiben wollen.

Sehen wir eine Zeitachse? Ja, ohne Frage. Zum einen erfordern moderne Meeting-Lösungen wie Fuze Rechenleistung, die mit alter Hardware nicht erbracht werden kann. Ivy Bridge wird in 2012 die letzten Leistungsprobleme lösen und auch die neue Generation der Ultrabooks in diese Kommunikation einbinden. Dann brauchen wir Bandbreite in beiden Richtungen. Bei einer Massennutzung kann das für Unternehmen durchaus zum Problem werden. Aus heutiger Sicht wird das nur mit SVC skalieren, das wir für 2012 erwarten. Wenn SVC endlich kommt, dann kommt es schnell. Alle Anbieter haben es fertig im Regal und alle warten auf Microsoft. Sobald Microsoft mit SVC startet, werden alle anderen am selben Tag folgen. Worst Case ist eine Verschiebung bis 2013, wenn Microsoft auf Wave 15 für den Lync-Server warten sollte, um SVC zu unterstützen (Angekündigt für Dezember 2012, aber wir kennen ja Microsoft). Der letzte wichtige Punkt, der weitere Zeit erfordern wird, ist der Plugin-freie Browser-basierte Client.

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