Wie wär´s mit einem Anwendungs-TÜV?

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Das Netzwerk ist sowieso immer der Schuldige! Bei uns Netzwerkern landen bekanntermaßen alle Probleme – häufig in Form der ungeliebten „Tickets“ –, die sonst niemand zu lösen vermag. Meist geht es um Performance-Probleme. Anwender klagen darüber, dass sie seit einiger Zeit unerträglich lange Wartezeiten erleiden, wenn sie mit der Anwendung „soundso“ arbeiten.

Es ist immer das alte Lied. Wir Netzwerker gehen auf die Suche und weisen dann nach, dass Server in Timeouts laufen, irgendwelche Probleme mit Berechtigungen auf Verzeichnisdiensten bestehen oder einfach nur die für das Netz typische Laufzeit durch hunderte von der Anwendung benötigte Frage-Antwortzyklen vervielfacht wird. Zu letzterem habe ich mich bereits in meinem Standpunkt vom November 2011 in aller Breite geäußert. Fazit: Manche Anwendung ist derart konstruiert, dass sie in bestimmten Netzumgebungen langsam wird. Wie konnte das passieren?

Große Unternehmen, besonders solche, die im öffentlichen Rampenlicht stehen, prüfen ihre Anwendungen auf Herz und Nieren, bevor sie der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Stellen Sie sich mal vor, ein Mobilfunknetz würde unter der hohen Nachrichtenlast am frühen Neujahrsmorgen zusammenbrechen – unvorstellbar! Damit das nicht geschieht, sind in dieser Branche Last- und Stresstests üblich. Und zwar vor dem allgemeinen Rollout der Anwendungen! Die Freigabe erfolgt erst, nachdem die Anwendung im Labor gezeigt hat, dass alle ihre Komponenten der zu erwartenden Last standhalten werden.

Sicher, Last- und Stresstests sind aufwendig und teuer. Da sind zum einen der nicht unerhebliche Zeitaufwand und zum anderen die Investition in teure Technik. Alleine die Beschaffung von Lastgeneratoren verschlingt ohne weiteres einen 6stelligen Betrag. Aber viele Tests lassen sich auch mit einfachen Hilfsmitteln durchführen. So gibt es gerade im Bereich Web-basierter Anwendungen auch kostengünstige oder gar freie Tools, mit denen sich Zugriffe von Anwendern modellieren lassen. Es werden entweder Mausklicks und Tastatureingaben für bestimmte Transaktionen aufgezeichnet oder aber die daraus resultierenden HTTP-Abfragen. Im eigentlichen Test werden dann die derart vorbereiteten Transaktionen mit einstellbarer Häufigkeit ausgeführt. So lassen sich hunderte Anwender simulieren und dabei feststellen, welche der Anwendungskomponenten als erste in die Knie geht.

Die Robustheit Ihrer Anwendungen gegen Effekte im Netz können Sie mit einfachen Netzwerk-Simulatoren bestimmen. Der Simulator wird zwischen Client und die Server-Infrastruktur geschaltet. Am Simulator lassen sich Delay, Jitter, Paketverluste und weitere Effekte einstellen. Dann sieht man am Client sofort, wie sich die Anwendung für einen Mitarbeiter etwa in Nordeuropa oder Südamerika anfühlen wird. Parallel dazu ist eine Analyse des Kommunikationsverhaltens auf Ebene der Pakete (Protokollanalyse) oder über die Endgeräte (Performance-Monitore, etc.) möglich.

Dabei entdeckt man zuweilen erstaunliches. Zum Beispiel die Anwendung, die über ein „selbstgestricktes“ Verfahren Dateien transferiert, was endlos dauert. Hätte man stattdessen einen einfachen File Share verwendet, wäre man wenigstens nur über die wohlbekannten Einschränkungen der bekannten Protokolle gestolpert. Oder der Web-Dienst, der eine ungünstige Strategie für das Caching verwendet und so hunderte von Anfragen an den Server stellt, obwohl er die entsprechenden Elemente bereits heruntergeladen hat.

Diese Beispiele – und viele andere, die wir im Laufe der Jahre bei unseren Kunden erlebt haben – zeigen, dass Netzwerk-Know-how bei der Einführung neuer Anwendung hilfreich, ja unabdingbar ist. Treten Sie frühzeitig in den Dialog mit der Anwendungsentwicklung ein! Wie wär´s mit einem Anwendungs-TÜV?

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