Wie sieht der Laptop der Zukunft aus?

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Apple hat auf der WWDC 2012 das neue MacBook Pro mit 15-Zoll Retina Bildschirm vorgestellt. Es wird beworben als Blick in die Zukunft. Das wäre nun nicht so ungewöhnlich, immerhin hat Apple mit dem MacBook Air eine neue Generation von Laptop generiert, der momentan alle anderen Anbieter im Markt mit den Ultrabooks folgen. Wie ist also das neue MacBook Pro einzustufen, sehen wir hier wirklich die Zukunft mobiler Arbeitsplätze, der auch andere Hersteller folgen werden? Und welche Auswirkungen hat ein neuer Typ von Laptop auf unsere Unternehmens-IT?

Dazu erst einmal die technischen Fakten, die das neue MacBook Pro repräsentieren:

  • Retina Display 15,4 inch mit 2880 x 1800 Punkte Auflösung
  • extrem dünn mit 1,8 cm und leicht mit 2,02 Kg
  • 2,6 GHz Quad-Core Ivy Bridge Prozessor mit 3,7 GHz Turbo-Boost
  • 16 GB 1600 MHz Onboard RAM
  • maximal 768 GB Flash-Speicher
  • NVIDIA Geforce GT 650 M Grafik
  • 720p Kamera
  • 2 Thunderbolt Ports
  • 2 Mikrofone mit Audio-Beam, optimiert für Audio-Eingabe in Diktaten und Videokonferenzen
  • 7 Stunden Batterie-Kapazität

Der auf den ersten Blick herausragende Punkt ist das Retina Display. Darunter versteht man Bildschirme, die eine so hohe Punktdichte haben, dass das menschliche Auge die Punkte nicht mehr sieht. Anders gesprochen, die Ausgabe ist gestochen scharf, in diesem Fall mit 220 ppi. Das klingt wie ein Blick in die Zukunft, beschweren sich doch professionelle Benutzer seit Jahren über die schlechte Lesequalität von Texten an Computer-Bildschirmen im direkten Vergleich zu Papier. Tatsächlich aber ist die Situation komplexer und wir müssen Vor- und Nachteile vergleichen:

Zuerst die Nachteile:

  • Applikationen auf Computern gehen von einer Ausgabedichte im Bereich von 120 bis 130 ppi aus. Wird die Dichte höher, so muss das entweder direkt von der Applikation speziell unterstützt werden (das ist der Umbruch, den wir im Moment bei dem iPad 3 mit Retina Display beobachten) oder das Betriebssystem wird alle Ausgaben vergrößern. Die Vergrößerung endet dabei häufig mit einer schlechteren Qualität als bei einem 120 ppi Bildschirm. Anders formuliert: Retina mit 220 ppi oder mehr macht nur Sinn, wenn dies die Applikationen auch unterstützen. Dabei sind durchaus Grenzen gesetzt. So unterstützt Safari zwar die hohe Auflösung, aber die Webseiten mit ihren kleinen Auflösungen machen das nicht. Fotos von Webseiten sehen also auf einem Retina Display nicht unbedingt gut aus. Dazu müssten die Webseiten angepasst werden, was auch zu einer Zunahme des Transportvolumens führen würde, da die Fotos größer werden.
  • Ein derartiges Display braucht eine sehr gute Grafikkarte. Dabei geht ein großer Teil der Leistung für die höhere Auflösung verloren, ohne dass der Benutzer weitere Vorteile aus der besseren Grafikkarte ziehen kann.
  • Retina kostet Batterie-Leistung. Apple hat hier mit seinem Gehäuse- und Batteriedesign die Nase im Wettbewerb weit vorne. Lediglich Samsung hat momentan ein Gerät, das hier mitspielen kann. Trotzdem sind 7 Stunden zu wenig, vor allem weil es in der Realität bei Nutzung der vollen Auflösung nur 4 oder 5 Stunden sein werden. Apple nutzt tatsächlich zwei verschiedene Grafiklösungen im Gerät. Für „normale“ Arbeiten die Ivy Bridge-Grafik, die durchaus sehr gut ist. Auf die Highend-Karte wird nur bei Bedarf umgeschaltet. Trotzdem könnte die Batterie-Leistung je nach Nutzungsart zu einem Nachteil werden.
  • Die Abwärme: Mehr Leistung produziert auch mit Ivy Bridge Prozessoren mehr Abwärme. Dies gilt speziell für die leistungsfähige Grafikkarte. Apple hat für das neue Gerät einen neuen Typ Lüfter vorgestellt, der leiser ist. Dies ist gleichzeitig ein Hinweis darauf, dass der Lüfter vermutlich in starker Nutzung sein wird. Schon die bisherigen Geräte sind bei starker Nutzung nicht unbedingt leise. Wir werden sehen, was die neuen Lüfter leisten.
  • Die hohe Auflösung führt als Nebeneffekt dazu, dass selbst 1080p HD-Filme vergrößert werden müssen, um den vollen Bildschirm auszunutzen. Hier bleibt abzuwarten, was das für die Qualität bedeutet, speziell wenn eine normale DVD abgspielt werden soll. Das Upscaling ist dann doch sehr erheblich.
  • Das CD-Laufwerk fehlt. Zwar kommen die meisten Applikationen für Apple Geräte inzwischen aus dem MAC-App-Shop, aber es gibt gerade für Konsumer noch Anwendungen wie das Ansehen von Filmen oder das Kopieren von Musik-CDs. Im Prinzip kommt man also um das externe Laufwerk nicht herum (man kann auch Laufwerke von anderen Apple-Computern einbinden). Die Erfahrung mit dem MacBook Air ist aber, dass das akzeptabel ist.

Bevor wir zu den Vorteilen gehen, die Frage, warum Apple bei den gegebenen Nachteilen trotzdem diesen Weg beschreitet. Wir werden gleich die Vorteile betrachten und sehen, dass es Nutzergruppen gibt, die vermutlich vor Begeisterung aufschreien und genau auf dieses Geräte gewartet haben. Trotzdem geht Apples Interesse deutlich weiter und das Gerät dürfte ein strategisches Gerät sein. Apple hat auf der WWDC nicht wie angekündigt die iMacs erneuert und gleichzeitig sogar angedeutet, dass neue Geräte erst in 2013 kommen. Das lässt angesichts der Tatsache, dass die iMacs gut die Ivy Bridge-Prozessoren vertragen könnten, eigentlich nur eine Interpretation zu: Apple sieht in Retina die Zukunft, sieht aber auch, dass ein Retina-Gerät ohne Unterstützung aller signifikanten Applikationen vermutlich keinen Sinn für die Masse der Benutzer macht. Das MacBook Pro Retina spricht professionelle Benutzer an und nicht die Masse, aber in der Zahl genug, um für den Markt wichtig zu sein. Unsere Interpretation ist, dass Apple mit diesem Gerät die Applikations-Hersteller motiviert, sich auf Retina-Auflösungen einzustellen. In einer zweiten Stufe würden dann die iMacs aufgerüstet.

Das führt auch zu einer anderen spannenden Frage. Hat Apple hier einen technologischen Hebel gefunden, um dem Windows-Markt zu schaden? Im Gegensatz zu Microsoft hat Apple ein eigenes volles Portfolio von Applikationen und damit die Kontrolle über die Retina-Tauglichkeit. Entsprechend werden nun auch alle Apple-Applikationen angepasst. Auch Adobe hat zumindest für Photoshop zugesagt, allerdings ohne ein Verfügbarkeits-Datum zu nennen (wobei Lightroom viel spannender ist). Microsoft hat diesen Grad an Kontrolle nicht. Hat Apple mit seiner Strategie Erfolg und die wesentlichen Applikationsentwickler folgen auf Retina (und Apple hat mit seinem App-Shop sicher einige „Druckmittel“ in der Hand), dann wäre das ein gewaltiger technologischer Vorsprung gegenüber Microsoft.

Damit kommen wir zu den Vorteilen:

  • Das neue Display gestattet volle 1080p Video-Bearbeitung auf einem Laptop. Als Final Cut Pro X Benutzer ist der Autor dieses Artikels vor Begeisterung durch die Decke gegangen. Endlich wirklich voll mobile Video-Bearbeitung.
  • Kombiniert man das mit den Thunderbolt-Ports und dem Prozessor und der Grafik, dann hat man einen mobilen Power-Arbeitsplatz. Die persönliche Präferenz des Autors: 2 LaCie 6TB Thunderbolt-Laufwerke als Raid-1 geschaltet, jedes Laufwerk intern als Raid-0.
  • Das neue Display ist ein Hochglanz-Display mit reduzierter Reflexion durch die Art der eingesetzten LED-Technik. Dies könnte die Quadrator das Kreises sein. Hochglanz-Displays bringen bessere Kontraste und einen weiteren Gammut, wesentlich für die Bearbeitung von Fotos. Kombiniert man die Eigenschaften des neuen Geräts, dann könnte hier das erste mobile Endgerät für professionelle Fotobearbeitung vorliegen. Profis werden bisher Farkkorrekturen oder Feineinstellungen nicht auf einem Laptop ausführen. Die Qualität reicht einfach nicht aus. Das neue MacBook Pro könnte hier ein Quantensprung sein. Was für Nicht-Profis unbedeutend klingt, bedeutet für den Geld-verdienenden Fotografen volle Feld-Tauglichkeit mit extrem verkürzten Bearbeitungszyklen. Natürlich hat auch das neue Display Nachteile. Eine Auflösung von 2880 x 1800 mag ja für ein mobiles Gerät beeindruckend sein, für Fotografen ist dies ein gerade noch akzeptabler Kompromiss. Die Kamera des Jahres im semiprofessionellen Markt ist die Nikon D800E. Diese Kamera hat eine Auflösung von 7360 x 4912. Da sieht selbst Retina alt aus. Zwar kann man fast alle Bearbeitungsschritte in Ausschnitten durchführen, aber je mehr man 1:1 sieht, umso schneller geht es. Es gibt auch Arbeiten, für die man sogar auf 2:1 gehen wird, das stößt dann vermutlich an die Grenze auch von Retina-Laptops.
  • Die Lesequalität von Texten ist zum ersten Mal besser als auf Ausdrucken. Kombiniert man das mit dem sehr dünnen und leichten Gerät, dann erhalten wir ein Gerät, das optimal zum Lesen umfangreicher Texte ist.
  • 768 GB Flash sind ein großer Schritt vorwärts. Zusammen mit dem fehlenden CD-Laufwerk haben wir damit keine beweglichen Teile mehr, also gerade für ein mobiles Gerät ein Zugewinn an Sicherheit. Gleichzeitig wird mit dem neuen Flash-Interface endlich die aktuell führende Flash-Performance auch in Apple-Laptops verfügbar.
  • Die NVIDIA GeForce GT 650 ist für ein mobiles Endgerät auf den ersten Blick ein Hammer. Aber hier ist Vorsicht geboten. Die hohe Retina-Auflösung wird vermutlich auch von der Top-Kepler-Architektur dieses Produktes einiges an Leistung verbrauchen. Allerdings entsteht ein weiterer Vorteil. Die GPU steht natürlich auch für andere Arbeiten mit ihrer Rechenleistung zur Verfügung. Gerade für Video-Anwendungen wird sich das bemerkbar machen. In diesem High-End-Markt ist 1 GB Speicher nicht viel, für ein mobiles Gerät aber sicher herausragend.
  • Gerade für Unternehmensanwendungen bringt das Gerät eine Kombination von Mikro und Kamera, bei der wir mit Spannung auf die entsprechenden Tests warten. Die Doppel-Mikro-Konfiguration scheint auf Diktat und Videokonferenz-Anwendungen optimiert zu sein (Beam-Forming). Da Apple auch zeitgleich eine Diktat-Software bringt und im Juli Siri mit Mountain Lion auch auf den Macs verfügbar macht, ist dies ein Indiz für eine wesentliche strategische Entscheidung. Einfach formuliert: Apple optimiert das Gerät für Sprach-Eingabe. Ebenso wie bei der Retina-Diskussion kann das ein Punkt gegen Microsoft sein. Aber das bleibt abzuwarten. Windows hat bisher den Vorteil der besseren Auswahl von Sprachanwendungen. Im August werden wir wissen, ob Apple hier die Karten neu gemischt hat. Auch muss abgewartet werden, ob ein Geräte-internes Mikrofon wirklich mit externen Headsets und Optimierung auf Spracheingabe konkurrieren kann. Aber unter dem Strich bleibt die offensichtliche Erkenntnis: Apple geht vehement in Richtung Sprachsteuerung.
  • Dies mag einige Leser überraschen, die die Preisdiskussion unter den Nachteilen erwartet haben. Der Preis für dieses Gerät ist ein Kampfpreis. Wer Kameras und Objektive im Werte von mehreren Zehntausend Euro sein Arbeitsgerät nennt, der wird nicht wegen 500 oder 1000 Euro Mehrkosten erblassen. Auch die üblicherweise im Foto und Grafikmarkt eingesetzte Software ist nicht unbedingt preiswert (siehe Adobe Master Collection). Angesichts der gegebenen Vorteile ist der Preisaufschlag gegenüber den normalen MacBook Pros mehr als moderat.

Wir wollen an dieser Stelle nicht weiter in die Details gehen. Deshalb zurück zur Ausgangsfrage: Ist dies der Blick in die Zukunft? Die Antwort soll unterteilt werden in die einzelnen Technologie-Bereiche:

  • Retina: für den professionellen Benutzer: Ja, ohne Einschränkungen, dies ist das Gerät, auf das wir alle gewartet haben. Für den durchschnittlichen E-Mail-, Office- und Web-Benutzer: mit einem großen Fragezeichen. Gerade die Nutzbarkeit des Webs mit Grafiken, Fotos und Filmen, die auf viel kleinere Auflösungen ausgelegt sind, könnte hier ein Problem werden. Auf Dauer macht Retina für die Masse der Anwender nur Sinn, wenn die Applikationen es unterstützen.
  • Flash-Speicher: Ohne Frage, das ist die Zukunft. Aber es bleibt eine Preisfrage. Dabei darf der Preis nicht auf Kosten der Verfügbarkeit sinken.
  • Leicht und flach: Ja, das ist die Zukunft.
  • Hochglanz-Display mit hoher optischer Qualität und Reflexions-Unterdrückung: Dies ist die Zukunft. Noch weniger Reflexion ist immer wünschenswert.
  • Batterie-Leistung von 7 Stunden: Dies ist deutlich zu wenig.
  • Optimierung für Sprach- und Video-Kommunikation: Dies ist die Zukunft.

Mit dem MacBook Pro Retina hat Apple einen neuen Maßstab gesetzt. Dieser ist nicht frei von Fragezeichen wie die Retina-Diskussion gezeigt hat. Ist Apple mit seiner Strategie erfolgreich, dann haben Microsoft und viele andere Hardware-Hersteller hier ein Problem. Dies könnte soweit gehen, dass Apple sich hier einen technologischen Marktvorsprung von 2 bis 3 Jahren geschaffen hat, wenn die Applikations-Hersteller bereitwillig folgen. Werden sie das tun? Apple hat gegenüber den meisten Software-Herstellern die Trümpfe in seiner Hand. Nur wenige sehr große Anbieter können sich wirklich wehren. Für Adobe und AutoCAD ist Retina das Schlaraffenland der grafischen Arbeitsumgebung. Wenn Adobe dem nicht folgt, dann ist das nicht zu verstehen. Aber sie haben ja auch schon mit Bezug auf Photoshop ihre Bereitschaft unterstrichen. Das große Fragezeichen ist sicher Microsoft Office für den Mac. Vermutlich wird Microsoft bis zur Freigabe von Office 15 mit einem großen Update warten.

Für Unternehmen ist dieser Trend auch als Anbieter von Web-Informationen oder Applikationen wichtig. Retina-Applikationen würden Web-Angebote wie diskutiert deutlich verändern. In der Summe aller Datenströme hätte das auch eine Auswirkung auf die Bandbreite speziell zum Internet hin.

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2 Kommentare zu "Wie sieht der Laptop der Zukunft aus?":

  1. Roland schreibt:

    Ihre Meinung zu Laptops der Zukunft kann ich nicht teilen.

    Ich bin beruflich sehr viel unterwegs und benötige hierfür ein geeignetes mobiles Büro.
    Da sind herkömmliche Laptops noch weit entfernt, der Bedarf ist jedoch enorm.
    Auf der Suche nach einem neuen Laptop habe das im Internet gefunden.
    Ein Super Laptop mit integriertem Drucker , der hoffentlich bald auf den Markt kommt.

    http://www.google.com/patents/EP2662218A1?cl=de

    Der Clou ist hier, dass die Tintenkartuschen super flach sind und die Gesamte untere Deckelfläche eines Laptops einnimmt. Das müsste somit auch mit einem Tablet funktionieren.

  2. Dr. Jürgen Suppan schreibt:

    Ich habe die letzten zwei Wochen testweise meine Arbeit auf einem Microsoft Surface Pro 2 ausgeführt. Normalerweise reise ich mit der Kombination aus einem MacBook Pro (wegen Final Cut) und einem iPad Air. Gerade habe ich mit dem Test des Chromebooks begonnen, habe den Google Account zum Testen aber schon seit Jahren. Wir sind definitiv an einem Scheideweg der Technologie. Es gibt eine neuere Fassung dieses Artikels als Video auf ComConsult-Study.tv. Die große Frage ist, ob und wie Microsoft seine Art Software anzubieten verteidigen kann. Office 365 und Metro in Kombination mit dem Store sind noch sehr unausgewogen. Das Touch-Interface (egal auf welchem Gerät) und ein webfrontend haben beide gemein, dass sie mit stark vereinfachten User-Interfaces arbeiten. Für die Masse der Anwender ist das aus meiner Sicht die Zukunft. Die Integration eines Druckers ist ein Spezialfall, ich denke nicht, dass wir hier Standard-Lösungen sehen werden.

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